Genesung

By Emanuel Geibel

Written 1833-01-01 - 1833-01-01

Nach dumpfer Schwüle

Was mir so frisch

Mit unsichtbarem Fittich

Die Stirne rührt,

Bist du's endlich,

Himmelstochter Genesung?

Leise sinkt's wie Gewölk

Zerrinnender Nebel

Mir von den Sinnen!

Klarer, tiefer

Dünkt mir der Himmel,

Der Quellen Wogen

Rührt wie ferne Musik

Mein erwachend Ohr,

Und von den Wipfeln

Der schwarzen Tannen

Auf mich hernieder

Dämmern Gedanken.

Ach, noch kann ich dich nicht

Fassen, o Muse,

Noch versagst du

Dem irrenden Finger

Dein Saitenspiel;

Aber schon spür' ich

In ahnender Seele

Dein tröstlich Nahen,

Im Windesodem

Flattert dein Hauch schon,

Und seh' ich fern durch die Stämme

Auf Waldeswiesen

Des Sonnenstrahls

Bewegtes Spielen,

So ist mir's oft,

Es sei das Wallen

Deines weißen Gewandes.