Gesang der Blinden

By Hermann von Lingg

Written 1862-01-01 - 1862-01-01

Horch, aus tiefstem Lebensabgrund,

Drin kein Lichtstrahl je hinabtaucht,

Sucht die Stimme frommer Blinden

Aufzutönen

Nach dem Schönen,

Im Gesang ein Licht zu finden.

Klaglos in der dunklen Wohnung,

Wo kein Bild die kahle Wand schmückt,

Träumen sie hinab die Stunden,

Still genügsam,

Fromm und fügsam

Und in Eintracht gramverbunden.

Lichtlos sitzen sie beim Nachtmahl,

Wie die Schatten in der Grabnacht.

Keiner Lampe trautes Leuchten

Kann der Kranken

Nachtgedanken

Mit der Hoffnung Tau befeuchten.

Niemals können sie sich selig

Blick in Blick und liebend ansehn;

Nur im Hauch, nur im Berühren

Nahen süße

Seelengrüße,

Wenn sie Hand an Hand sich führen.

Steigt vor ihrem Geist die Schöpfung

Als ein Tönemeteor auf,

Schmerzlich ringen sie nach Bildern,

Ihr Entzücken

Auszudrücken,

Ewiges im Wort zu schildern.

Wie ein Sturm der Nacht durchatmet's

Ihre Brust in wilder Andacht,

Drängt ihr Herz, ein Wonnetoben

Auszuweinen

Vor dem Einen,

Den auch Sterne tönend loben.