Gesang der Vögel.

By Barthold Heinrich Brockes

Ich sah, auf einem schwanken Ast, fast auf desselben äussern

Spitzen,

Ein kleines buntes Vögelein, bequem und recht geruhig,

sitzen;

Es regt’ an seinem ganzen Cörper sich nichts, sein kleiner

Kopf allein

Schien des beblühmten Frühlings Pracht, zumahl der

Sonnen hellen Schein,

Durch stetes Drehen, zu bewundern. Bald bog er es zu

beyden Seiten,

Bald wendet er es in die Ründe, entzückt ob allen Lieblich-

keiten.

Jtzt kehrt sein Blick sich Himmel- werts, itzt wieder auf die

Welt hernieder,

Und gurgelt, in so muntrer Wendung, aus Lieb’ und Lob

erzeugte Lieder.

Man konnt’ aus seiner regen Kehle, bey nimmer unter-

brochnem Drehn,

Die klingenden Gesänge dringen und Töne gleichsam quillen

sehn.

Ich setzte mich, von einem Busch bedeckt, bedachtsam zuzu-

hören,

Und, in den tausendfachen Liedern, so mich als andre zu beleh-

ren:

Wie in des Schöpfers Creaturen die nicht bemerkten

Kleinigkeiten

Der Menschen Achtsamkeit verdienen, und alle zur

Bewundrung leiten;

Ja wie, da alle grossen Werke aus Kleinigkeiten bloß

besteh'n,

Wir, in Betrachtungen der Kleinheit, fast Gott am

würdigsten erhöh'n.

Was alle Künstler der Music mit allen ihren Instru-

menten,

Zu des Gehörs Belustigung, bisher für uns erfinden könnten,

Reicht an die reine Süßigkeit, die aus der Vögel Schnäbeln

bricht,

An Zärtlichkeit, an scharfer Schönheit, Veränderung und

Liebreiz, nicht.

Es wirbeld oft ein klingend

Singen,

Ein flötend Schmatzen wissen sie vereint zugleich hervorzu-

bringen.

Sie können, bey gesenkten, hohlen und tiefen Tönen, helle

pfeifen.

Sie sind geschickt, fast unbegreiflich, in runden abgesetzten

Läufen,

Die rollende geschwinde Töne zugleich zu dehnen und zu

schleifen.

Es locket, zwitschert, schlägt und gurgelt, bald steigend, bald

im holden Fall,

Mit tausendfältigen Manieren, der tausendfach formierte

Schall.

Wenn wir demnach, wie Menschen, denken, und unsre Pflicht

erfüllen wollen;

So müssen wir vernünftig hören, uns an dem süssen Klang

vergnügen,

Zu unsrer Lust das Danken fügen,

Und für die Anmuht des Gehörs dem Geber unsre Freude

zollen.