Gespenster

By Conrad Ferdinand Meyer

Written 1875-01-01 - 1875-01-01

Am Horizonte glomm des Abends Feuer;

Ich stieg, indes die Purpurglut verblich,

Zum Römerturm empor und lehnte mich

Randüber auf das dunkelnde Gemäuer –

Und sah, wie sich am Hange, scheu und scheuer,

Die Beerenleserin vorüberschlich.

Das arme Weibchen drückt' und duckte sich

Und schlug ein Kreuz: ihr war es nicht geheuer...

Mich flog ein Lächeln an. Im Eppich neben

Der Brüstung flüstert's: „Freund, in deinem Leben

Ist auch ein Ort, wo die Gespenster schweben!

Führt dich Erinnrung dem zerstörten Ort

Vorbei, du huschest noch geschwinder fort,

Als das von Grauen gepackte Weibchen dort.“