Getrenntes los

By Hedwig Lachmann

Written 1891-01-01 - 1891-01-01

Er sass nach langer Zeit bei ihr zu Gast.

Schweigsam. Die beiden waren ehmals Gatten.

Aus längst Erlebtem schoben sich verblasst

Herüber die zurückgedrängten Schatten.

Er sass und sann: Ich habe sie gekränkt,

Als uns noch Eide aneinander banden.

Sie sprach in sich hinein: Kaum noch gedenkt

Mein Herz der Qualen, die es ausgestanden.

Sie liebte mich. Gewiss hat sie verschmerzt,

Dass neues Schicksal unsre Bahnen störte. –

- Ich habe alles in mir ausgemerzt

Bis auf mein eignes Selbst, das ihm gehörte. –

Noch immer ist sie meinem Herzen wert.

Zeitlebens dank ich ihrem Edelmute. –

- An meines Lebens fernstem Punkt verjährt

Doch nimmer der Verrat an meinem Blute.