Gewitter im Mai

By Gottfried Keller

Written 1848-01-01 - 1848-01-01

In Blüten schwamm mein Heimatland,

Es wogte weiß in schwüler Ruh;

Der dunkle, feuchte Himmel band

Mir schwer die feuchten Augen zu.

Voll Gram und Reu hatt ich den Mai

Gegrüßt und seinen Blumenflor;

Nun zog er mir im Schlaf vorbei,

Und träumend nascht ich armer Tor!

Da war ein Donnerschlag geschehn,

Ein einziger; den Berg entlang

Hört ich Erwachender vergehn

Erschrocken seinen letzten Klang:

„Steh auf! steh auf! entraffe dich

Der trägen, tatenlosen Reu!“

Durch Tal und Herz ein Schauer strich,

Mein Leben grünte frisch und neu.