Gleim an Göckingk

By Leopold Friedrich Günther von Goeckingk

Written 1784-01-01 - 1784-01-01

In diese Gegend sich verirren,

In welcher kaum noch Tauben girren,

Ist Wollust! Ich gefalle mir,

O du, mein lieber Freund, in ihr

Am besten fast, vielleicht auch dir!

Du hättest mich nicht finden sollen!

Ich hätte tiefer mich verirrt;

Ich hätte, was denn? werden wollen,

Was man so leicht im Alter wird:

Ein Menschenfeind! Und du, mein Lieber,

Du hättest oft Besuch gewagt

Beim neuen Timon, und dich über

Die bösen Menschen auch beklagt.

Ei! höre doch die Tauben girren,

Die deine liebsten Tauben sind!

Ei! höre doch den Silberbach,

Der über harte Kiesel rinnt;

Man hört ihn doch!

Ihr Götter! ach!

Fern von den Menschen hier zu leben,

Könnt ihr zu meiner Lebenszeit

Zehn tausend Tage mir noch geben!

In dieser stillen Einsamkeit

Dürft' ich in keine Tiefe mich

Erniedrigen, mich nicht erheben

Auf eine Höhe, welche sich

Feindselig könnte mir beweisen!

Ach! o du Zeit! du Zeit von Eisen!

Am glücklichsten ist der zu preisen,

Der, weit von Königen und Weisen,

Sein König und sein Weiser ist,

Wie du's erst itzt, nach deinen Reisen,

In deinem Ohnesorge bist.

Mit Königen ist nur zu streiten

Um Menschen, und um Menschenblut!

Und mit den Weisen unsrer Zeiten,

Verträgt man sich nicht eben gut;

Sie schelten gleich.

Darum entfliehe,

Du Durst nach Ehre, Würd' und Stand!

Um euch geb' ich mir keine Mühe,

Was meine Ruhe stört, ist Tand,

Und wenn's der Schatz des Mogols wäre!

Was hätt' ich von der großen Ehre,

Der erste zu Berlin zu seyn,

Und meine Seele wäre klein?

Was hätt' ich von der höchsten Würde

Der ganzen werthen Christenheit?

Bei der mir aufgelegten Bürde,

Zu sorgen für die Seligkeit

Der Menschen, welche Haß und Neid

Entbrüdert, hätt' ich keine Zeit,

An mich zu denken.

Welch ein Stand

Nimmt nicht dem Stillen seine Freuden?

Wer's haben kann, der geh' aufs Land

Und lasse da sich nicht beneiden!

Neid macht nur Feinde.

Ruhe, du

Bist meine Göttin! Lebensmüde

Geh' ich auf deinen Tempel zu,

Denn unter Menschen ist kein Friede!

Nun erst? Warum nicht eher, Freund?

Ach! nimm ein klägliches Exempel

An mir, und geh in ihren Tempel

Bei Zeiten, eh ein böser Feind

Hinein dich treibt.

Die Menschen alle

Sind böse Feinde, die zu Halle,

Zu Bonn, zu Mannheim, zu Berlin,

Zu Düsseldorf, zu Zürch, zu Wien,

Und die zu Mainz in der Carthaus;

Zwei, oder dreie nehm' ich aus.