Gleim an GöckingkFußnoten

By Leopold Friedrich Günther von Goeckingk

Written 1784-01-01 - 1784-01-01

Du Lieber! der die Menschen lehret,

Vergnügt zu seyn in Gott, und sich!

Und den nicht Einer singen höret,

So lauschend, und so froh, als ich!

Was machst du? Singst du neue Lieder

Den Nymphen an der Zorga vor?

Hört Chloe zu? Sind Musenbrüder

Bei dir? Ist es das Musenchor?

Wüßt' ich's, o Freund, ich flöge, flöge

Noch diesen Abend spät, zu dir!

Ich faßte dich beim Arm, und zöge

Mit deinen Musen dich zu mir!

Versteht sich, wenn die neuen Lieder

Gesungen wären, morgen früh –

Und Abends, spät erst, wär' ich wieder

In meiner Closterzelle, die

Mit Kaiser Nero's goldnen Sälen

Ich nicht vertauschte.

Sorgen quälen

In meiner Closterzelle mich

Nur manchen Tag, wenn Herzen fehlen,

In die mein Herz, wenn's voll ist, sich

Ergießen kann.

In Nero's Sälen,

Und wär' ich Uz auch, würden sie,

Glaub' ich, mich alle Tage quälen.

Erfahrung lehrt's; ich habe nie

Ein hohes Dach, ein prächtig Haus

Von Sorgenschwärmen leer gefunden,

Die meisten oft bei einem Schmaus.

Und, Lieber, ohne Zweifel hast

Auf deinen Reisen in den Stunden

Der Muße, wenn von Hirsch und Hunden

Zurück du warest, halb geschunden,

Auch du derselben wohl gefunden

In einem fürstlichen Pallast!

Und also, weil Erfahrung lehrt,

Daß eben in die goldnen Säle

Die Freude nicht war eingekehrt,

So tausch' ich nicht!

Die kleine Kehle

Der Virtuosin Philomele

Hör' ich so gut, bei meiner Seele,

Das kleine Ding hör' ich so gut

In meinem kleinen Sanssoucis,

Als Friederich sie hören thut

In seinem großen!

Also zieh,

Mein Göckingk, weiser Biedermann!

Den alten Reiserock nur an!

Und komm gegangen, komm geritten,

Daß ich mein Herz in deines schütten,

Und dich nach Königen in Hütten,

Und meinem Bodmer fragen kann.