Hans Sachs ein Heldengedichte.
Was irdisch ist, vergeht, was menschlich ist, nimmt ab,
Und ein Monarche selbst fällt mit der Zeit ins Grab.
(herrschte,
Diß ward Hanß Sachs gewahr, der lang’ in Deutschland
Und nach der Füsse Maaß hier Schuhe macht’ und verschte;
Der in der Dummheit Reich’ und Hauptstadt Lobesan
Den ersten Preiß durch Reim’ ohn’ allen Streit gewann.
Es war in langer Ruh ihm wiedrigs nichts begegnet,
Er fand mit manchem Sohn unzehlbar sich gesegnet;
Doch alt, und durch die Last der Sorgen matt gemacht,
So war er auf die Folg’ im Reich’ anizt bedacht.
Er dachte welchem Sohn es möchte meist gebühren,
Nach ihm mit der Vernunft unendlich Krieg zu führen;
Und ruft: Es ist geschehn! denn Hertz und Neigung schlißt,
Daß der mein Folger sey, der mir am gleichsten ist.
Mein Stelpo
Und unzertheilte Dünst’ umnebeln sein Gehirne;
Selbst seine Amme faßt’ in der Geburt ihn um,
Weissagt’ und segnet’ ihn mit diesem Wunsch: Sey dumm.
Mein Stelpo ists allein von allen meinen Söhnen,
Den an dem Pegnizstrand ein Pfaltzgraf wünscht zu krönen;
Der ein verständlich Wort vor Ungelahrtheit hält,
Und die Undeutlichkeit am klärsten uns vorstellt.
Mit Mühe kan man noch der andern Meinung rathen,
Und Wiz findt Herberg einst bey einem Zes’ und Spaten;
Mein Stelpo ists allein, der niemals nicht nachsinnt,
Und sich im rechten Weg’, aus Jrrthum selbst, nie findt.
Bißweilen fällt ein Funck von Witz an andrer Seele,
Und blizt ein kurzes Licht durch die verstockte Höle;
Nur Stelpos Grönlands-Nacht duldt keinen solchen Riß,
Kennt nichts als dürre Kält’ und dike Finsterniß.
Zudem so findt man gleich, wenn man sein Antlitz schauet,
Daß um dieß höckricht Feld der Wahn sein Nest gebauet
Daß Unbedachtsamkeit in voller Majestät
Gleichwie in einer Wolck’ an seiner Stirne steht.
Die hohle Stimme selbst, die durch die Nas’ erschraubet
Zeigt ihren Meister an; und mancher Lehrling glaubet,
Wenn durch dieß thönend Ertz’ ein schnarrend Unwort bricht,
Das keiner nicht versteht, daß ein Orakel spricht.
Schoch
Sind, wann man sie mit dir vergleicht, nur arme Sünder.
Die erste Stell’ hört dir in dieser Schwanen Reih’
Du grosser Patriarch von der Pritschmeisterey.
Ich selbst, ein Dudentopf berühmter als die andern,
Must’ hinkend vor dir her mit meinem Schurzfell wandern,
Damit ich dir den Weg bereitete, O Held,
Und deinen grössern Ruhm verkündigte der Welt.
Oft, wenn ich lange gnug gebrauchet Ahl’ und Feder,
Und manch unschuldig Wort gereket wie das Leder;
Wenn ich, mit Tint’ und Pech besudelt, Vers’ erdacht,
Und manchen Schuh zu kurtz, und Fuß zu lang gemacht:
So must’ ein Dudelsak mir meinen Unmuth stillen,
Und mein allduldend Ohr mit seinem Schnarren füllen.
Doch war mein Dudelsak ein Vorspiel nur von dir,
Und deinem hellern Thon, wenn du schlägst dein Clavier
Mich dünkt, ich hör’ anizt dich neuen Orpheus spielen,
Weil deiner Finger Wink die scharfe Seiten fühlen;
Man singt. Das Lied ist dein, und K ‒ -rs
Der in des Stümpers Reim erweißt ein Meisterstück;
Der mit dem Thon ersezt, was den Verstand verrüket,
Und uns mit deinem Wahn und Aberwiz entzüket;
Der dir zu Nuz die Sinn’ uns oft verwirrt gemacht,
Und deine falsche Münz’ im Klang’ hat angebracht.
Zudem so stehen dir drey Nymphen noch zur Seiten
Die was man nicht begreift, durch ihre Stimm ausdeuten:
O wer ist so verstokt, der diesen Vers nicht schäzt,
Den Schönheit selber singt, und Kunst in Noten sezt?
Ich höre mit Begier die Clytemnestra
Die durch Gebärd’ und Stimm’ ins Herze weiß zu dringen;
Die dein gebrechlich Lied durch ihren Schall beschirmt,
Und wie du die Vernunft, so sie den Himmel stürmt;
Die durch die Raserey des Schreibers Wahn beschönet,
Und dich dem Neid zu Troz, zum Dichter singend krönet.
Die Jole
Durch ihre sanfte Stimm’ und holde Sittsamkeit;
Die, weil ein Seufzer hier den andern lieblich jaget,
Des Dichters Wahnwiz mehr als Hyllas Noth beklaget;
Und der so sehr nicht schmerzt der Dejaniren
Als daß sie, was du hast geschrieben, singen muß.
Zulezt kommt Adelind
Hier stehl’ ich dir den Vers,
Die ihre eigne Wort’ oft mit mehr Lust anbringt,
Und sprechend mehr gefällt, als wenn sie deine singt;
Die ohne Sorgen dich läßt deine Verse zimmern,
Und dich allein um das, was dich angeht, bekümmern;
Die oft so wenig ist, auf was sie singt, bedacht,
Als du warst, wie du es hast zu Papier gebracht.
Hier schwieg der alte Greiß, und weinte fast vor Freuden,
Die er an seinem Sohn’ erlebt, und fing mit beyden
Den wolgerathnen Sohn, mit beyden Armen um,
Bestetigend den Wunsch der Amme: Sey du dumm.
Nah’ einem schönen Fluß, der hundert Schwanen träget,
Und erst nur um sein Schilf die schwache Wellen schläget;
Hernach der Stadt zur Lust sich weit und breit ergießt,
Der Stadt, die, wo sie’s selbst erkennet, glücklich ist.
An dem ein strenges Haus
Worinn der Boßheit wird der steiffe Halß gebeuget;
In dem die Faulheit man zur frühen Arbeit zwingt,
Und ungerathne Söhn’ oft zur Erkänntniß bringt.
(frieden,
Da steht, nicht weit von dem, doch wie vom Krieg der
Und gleich wie Tag und Nacht durch diesen Fluß geschieden;
Auf daß uns zeig’ ein Blick, daß hier die Ordnung wohnt,
Wo man die Laster straft, weil man die Tugend lohnt:
Da steht nicht weit von dem ein starck und groß Gebäude
Der fremden Zeitvertreib, der Eingesessnen Freude;
Das ein berühmter Mann
Der Kunst und Sinnligkeit zugleich gewiedmet hat.
In dem die Götter selbst vom Himmel prächtig steigen,
Und sich die Element’ in schöner Ordnung zeigen;
Wo Städte man einnimmt, und manches Reich zerstört,
Verstorbne Fürsten zeigt, und junge Helden lehrt.
Schad ists, daß diesen Plaz kein Hofmannswaldau stüzet,
Noch Lohenstein und Gryph hier hinterm Vorhang sizet,
Daß kein Antonius, und keine Catharin,
Kein treuer Schäfer nicht betritt die Schöne Bühn
Denn würd’ ein solcher Vers die Anstalt hier begleiten,
So könnte man Paris den Vorzug selbst abstreiten:
Wiewohl auch dort wie hier die Dichtkunst hinten bleibt,
Und das was Lülly sezt, allein ein Quinaut schreibt;
Gleich als ob die Musik, die doch vom Himmel stammet,
An allen Orten wär zum Aberwiz verdammet.
Nun hatt’ Hans Sachs dieß Haus der Ehre werth geschäzt,
Daß er des Stelpos Thron hierinnen prächtig sezt.
Denn es hatt’ eine Hex ihm längst gewußt zu sagen,
Daß ein Tyrann allhier ‒ ‒ ‒
Das Volk mit Versen würd’ als Scorpionen plagen;
Daß er die deutsche Sprach’ im Grund erschüttern würd,
Gebohrn dem Wiz zu Troz, und der Vernunft zur Bürd.
Nun hatte Fama schon, die nie mit Schweigen sündigt,
Des Stelpos Krönungs-Tag der ganzen Stadt verkündigt:
So daß ein grosses Volk vom
Und auf dem
Es war der Weg belegt stat köstlicher Tapeten
Mit Blättern, welche man gepflükt aus den Poeten,
Die in dem finstern
Und die man eh’ als hie bey Apothekern findt.
Fruchtbringend war der Staub, gekrönet alle Steine;
Doch aller andern Werk’ erstekten Stelpos seine:
der zuerst die Kühnheit gehabt hat, sich dem Lohenfteinischen Schwulst im offentlichen Druke zu widersezen, welches Lob ihm Herr Konig in seiner Untersuchung des Geschmakes mit- getheilet hat.
Betrogne Druker war’n an statt der Leibwach hier,
Und S ‒ ‒
Man sah’ hernach das Volk sich vor dem Fürsten neigen,
Und diesen auf den Thron mit schweren Tritten steigen;
Weil Stelpo, Rechtensfrey, des Reiches Sazung laß,
Und ihm zur rechten Hand Roms andre Hoffnung saß.
Er war mit diken Dampf gleich einer Wolk umfangen,
Und keke Dummheit spielt’ um die verwelkte Wangen.
Wie weyland Hannibal vors Vaters Altar tobt’,
Und stete Feindschaft da mit einem Eid anlobt;
So schwur auch Stelpo hier, und wahrlich nicht vergebens,
In stetem Krieg und Kampf Zeit seines ganzen Lebens
So mit der reinen Sprach’ als der Vernunft zu stehn,
Und keinen Stillstand nie mit beyden einzugehn.
Die Salbung ward hernach vom König selbst verrichtet,
Der ihm mit Pech und Talk stat Oels die Haare schlichtet,
Er riß ihm die Perruck vom ehrbarn Scheitel ab,
Weil sein geharnschter Daum den faulen Segen gab.
Jhm ward hernach ein Kranz von Blumen aufgesezet,
Von Blumen, derer Kopf ein Römer abgefezet,
Von Blumen, die so leer und leicht als sein Gehirn,
Jezt sinkend als im Schlaf sich neigten vor der Stirn.
Zwölf Eulen sahe man, wo nicht die Leute lügen,
Jm selben Augenblik ehrwürdig vor ihm fliegen;
Und weil die Adler einst in Zahl den Eulen gleich,
Dem kühnen Romulus verkündigten das Reich,
So ward auch jezt vom Volk die Deutung angenommen,
Und jeder strebt im Wunsch dem andern vorzukommen.
Es war der alte Greis hierüber sehr erfreut,
Und schüttelt’ einen Dampf der Ungeschiklichkeit
Von seinem Kopf auf ihn. Erst stand er wie entzüket,
Als wann sein Haupt die Kraft der Weissagung verrüket;
Zulezt brach der Prophet in diese Worte aus:
Der Himmel segne dich du Zier von meinem Haus,
Daß deine Herrschaft nie mög’ ihres gleichen haben,
Und sich von Schweizerland erstreke bis in Schwaben;
Daß Wahn und Eigenlieb’ umzingle deinen Thron;
Und man den Vater kaum mehr nenne vor dem Sohn;
Daß alle Dudentöpf hinfort nach deinem Nahmen
Man Stelpos nenn’. Er schwieg ‒‒ u. alles Volck sagt: Amen.
Hernach so fuhr er fort: Mein liebster Sohn nimm du
Beyds in Unwissenheit und Unverschämtheit zu.
Laß andre viel auf Wiz, Verstand, und Ordnung truzen,
Lern’ aber du von mir arbeiten ohne Nuzen;
Begreife wie man lang’ in Kindesnöthen ringt,
Und eine Mißgeburt doch nur zu Lichte bringt.
Laß
Und
Laß du Myrtill, Myrtill, Coris, Corisca seyn,
Und bilde keinen Schach und Jbrahim dir ein.
Laß die mit grosser Müh oft Jahr und Tag nachsinnen,
Und in dem weiten Lauf den sichern Kranz gewinnen;
Sey du, auch wenn du schreibst mit deinem besten Fleiß,
Bedacht, daß ja kein Wiz verrathe deinen Schweiß.
Laß B ‒ ‒ seinen Kiel in Hippocrene nezen,
Und den Parnassus so wie die Stadt Wien entsezen
Laß ihn einst im Triumph auf deine Bühne ziehn’,
Weil falsche Wort’ und Reim’ als Türck und Tartar fliehn,
Laß Weisens
Und des Verfassers Wiz in ihrer Thorheit zeigen:
Weil jeder Narr den man in deinem Singspiel liest,
Dein wahres Ebenbild und stets ein Stelpo ist.
Laß auch den Helden selbst vom Spiel’ uns Lust erweken,
Und unterscheid’ ihn bloß im Nahmen mit dem Jeken;
Damit man beyde gleich vor deine Söhn’ erkenn’
Den kleinen Stelpo den, und den den grossen nenn.,
Sieh’ aber zu, wenn du nach Reim- und Versen fühlest,
Wie du Euripidens verbotne Waare stielest
Vertraue der Natur, schreib was dir erst fällt ein,
Und brich dir nicht den Kopf ein Dudentopf zu seyn.
Laß deinen Kiel sich nie an fremdem Wiz vergaffen;
Was hat Euripides mit dir und mir zu schaffen;
Daß er mit Deutlichkeit dich etwann übereil’?
Du bist mein Blut, an dem hat dieser gar kein Theil.
Wenn hat Euripides Verstand und Vers getrennet,
Und seiner Sprach’, uns gleich, die Rekbanck zuerkennet?
Wenn hat er dem
Mit:
Wenn sagt er:
(sprechen,
Daß seine Zunge nicht kan Stahl und Eisen brechen;
schrieben, worinnen die Niedrigkeit in den Erfindungen, den Gedanken, und der Schreibart, eben so merklich ist, als in Lohensteins Trauerspielen, oder Postels Opern, die Verstei- gung. Wer denn räth, denselben nachzuahmen, damit man die hohen Fehler vermeide, die diesen beyden vorgeworffen worden, der befiehlt, daß man sich auf die Erde niederlege, dem Fall vorzubiegen.
Weil ihm, der Vers ist dein, der Geist wie Wachs zerrinnt,
Und noch, zum Ueberfluß, die Sinne gläsern sindDie gröber gedrückten Verse sind alle von Posteln selbst..
Wenn hat er ‒ ‒ Doch wer wolt’ hier alle Wort’ erzehlen,
Die ohne Nothzucht nicht, sich, weil du schreibst, ver-
(mählen;
Und deren keines nicht weiß wie ihm sey geschehn,
Wenn sie als deutsche sich bey Hottentotten sehn?
Sorg’ aber daß du stets bey dieser Schreibart bleibest,
Auch wenn du ingeheim einst eine Schmähschrift
Drück hier in jeden Vers von Stelpo einen Riß,
Daß man dich selbst erkenn’ aus deiner Finsterniß.
Vor allen suche die am meisten zu beschimpfen,
Die dich kaum angesehn und dir kein Haar nicht krümpfen;
Mach ohne Wiederred’ im Lande dich bekannt,
Zugleich in Wort und Werck durch einerley Verstand.
Erweise daß viel Gift dein freflend Herz umzirket,
Ob Taratantel gleich es gleich nur Lachen wirket;
Doch siehe dich, daß dirs den Kopf nicht koste, für,
Daß es nicht tödlich sey, und heils durch das Clavier.
Laß, weil du spielst, den Mund viel Affenzüge machen,
Vertreibe Gift mit Gift, und Lachen durch das Lachen;
Fleuch, wenn du tadeln wilst, die sanfte Mittelsteaß,
Und wenn du jemand rühmst, so halt’ auch keine Maaß.
Laß keinen Dichterling, den du aufführst, im Blossen,
Vergleich’ ihn ungescheut mit Kaiser Carl dem Grossen.
Und wenn in fremder Sprach’ ein Buch du blindlings nennst,
So rühm am meisten das, das du am minsten kennst.
Laß aber andere den Lohenstein verfechten,
Und frische Lorbeer-Kränz’ um seine Schriften flechten;
Vermeide, wann es ihm am meisten gilt, den Streit:
Er ist ein Feind von Uns und der Unwissenheit.
Gesezt auch, daß er einst in unser Amt uns fället,
Und durch vermessne Wort’ ein jung Gedicht aufschwellet;
Er ist ein falscher Freund, der zwar sich übersteigt,
Doch unsern Todtfeind Wiz, zulezt im Ende zeigt
Laß ihn von Syphax viel und Masinissa melden:
Weil Hase, Löw, und Schwan, du machst zu deinen Helden;
Mach als Esopus dich berühmet durch die Thier,
Und stelle dessen Leib in deinem Wiz uns für.
Du darfst auch ihnen nicht, wie der, die Zunge brechen,
Sprich du, und jedermann wird denken, daß sie sprechen.
Zeig’ in geliebter Kurz’ uns hundert Fehler an.
Den Löwen zeigt die Klau’, und ein Sonnet den Mann.
Hier kanst du Löw und Has’ in einem Kampf aufführen,
Indem du einen machst zum grösten von den Thieren;
Doch so, daß du auch hier zweydeutig albern scheinst,
Und keiner weiß, ob du Has’ oder Löwe meinst.
Er sagt’, und hatte kaum das lezte Wort gesprochen,
Als
Jhn taumelnd unter sich auf einem Fallbrett sandt’.
Er sanck, und ließ in Eil’ als seiner Liebe Pfand
Sein Schurzfell Stelpo nach, worinn er mit viel Segen
Verdoppelt seine Kunst: Und das von Rechtes wegen.