[Haupt und Beystand deiner Glieder]

By Andreas Gryphius

Written 1640-01-01 - 1640-01-01

Haupt und Beystand deiner Glieder

Der du ewig vor uns wachst!

Und wann uns die Welt zuwider

Ihren Rath zu nichte machst:

Schau die Sonne geht zur Ruh!

Nacht und Schrecken setzt uns zu

Und wir stehn entblöst von Kräfften

Unter Creutz und Ampts-Geschäfften.

Dennoch kommen wir mit Dancken

Vor dein liebreich Angesicht

Daß bey Gleiten Fall und Wancken

Deine Hand uns aufgericht

Du dreyeinig hoher Gott

Der du in Gefahr und Noth

Dem der dir verpflicht zu dienen

Heil- und Gnadenreich erschienen.

Unter wie viel Stürm und Rasen

Und erhitzter Feinde Macht

Und verdecktem Gifft ausblasen

Ist der Tag hindurch gebracht

Dennoch hat mich nichts versehrt

Weil du meinen Wunsch erhört.

Und das Schnauben volle Pochen

Auch eh ichs gemerckt zerbrochen.

Zwar ich weiß das meine Sünden

Nichts dann Höll' und Fluch verdient;

Aber du kanst mich entbinden

Dessen Blut uns ausgesühnt.

Als du vor der Schuld der Welt

In den Todt dich eingestellt

Und durch Schmach und Creutz und Wunden

Die Gefangnen hast entbunden.

Als du wirst mich ja nicht lassen

Der du mich so theur erkaufft:

Herr! ich wil auf dir erblassen;

Wann nun meine Stund auslaufft

Unterdessen leb' in mir

Daß ich einig bleib' in dir:

Und trotz Angst und Hohn und Schmähen!

Meinen Glauben lasse sehen.

Schleuß auch weil ich nun entschlaffe

Was hab' ich in deine Hand

Schone wolverdiente Straffe

Auszutagen auf diß Land

Treib der Seuchen strenge Flut

Treib erzörnter Himmel-Glut

Hunger Sturm und Pestilentzen

Krieg und Mord von unsern Grentzen.

Auf dich leg' ich mich zu Bette

Gieb das ich gesund aufsteh'

Gott des Trostes! ko i und rette

Mich aus Leibs und Seelen-Weh!

Schlummern schon die Augen ein

Laß das Hertze wacker seyn

Daß ich fern von Furcht und Grauen

Dich auch schlaffend' mög anschauen