Heilsahme Schwäche.

By Barthold Heinrich Brockes

Will man von Hochmuth aufgeblasen, von Stoltz

geschwollen, sich erheben;

So dencke man doch, wo und wie uns unser Leben wird

gegeben.

Es wird die Menschheit, sonder Zweiffel, sich weniger er-

höh'n, als schämen,

Erwegt man Art und Ort, wie wir und wo wir unsern

Anfang nehmen;

Betrachten wir hiebey des Cörpers hinfällige Beschaffenheit,

Der Kranckheit Last, des Lebens Kürtze und flüchtige Ver-

gänglichkeit

Erwegt man mit gesetztem Sinn, ohn Vorurtheil, zugleich

dabey,

Wie selber unser Geist so schwach, so eitel, und so niedrig

sey;

Wie oft ihn Leidenschaft bemeistert; wie wir so wenig

gründlich wissen;

Wie oft er sich so weit verirret: wird man denn nicht ge-

stehen müssen,

Daß wir uns hier auf dieser Welt, mit allen unsern Vor-

zugs Gaben,

Mit allem eingebildten Witz, nicht sehr zu brüsten Ursach

haben.

Sey aber darum nicht betrübet: es fließt aus der Erkenntniß

mehr,

Als was man anfangs glauben solte. Es fließt daraus, zu

Gottes Ehr,

Der Nächsten-Liebe Quell, die Demuth, im Leben; und

wann wir erblassen

Der Glaub’, in welchem wir gedultig auf seine Lieb’ uns

blos verlassen.