Heloisse an Abelarden.

By Christian Hoffmann von Hoffmannswaldau

Auf einen Brief von Blutt gehört ein Brief von

Thränen

Ich fühle wie dein Schnitt mich auch zugleiche sticht

Ach daß der Himmel mich den Jam̃er läst erwehnen

Und mir nicht auch dabey das matte Hertze bricht.

Kein Zug der Eitelkeit kein Dunst beflam̃ter Lüste

Macht daß ich deine Noth entzuckt beweinen muß

Die Geister führen mich in eine dürre Wüste

Gedenck ich künfftig mehr an einen geilen Kuß.

Ich scheue mich zwar nicht in Schwachheit zu bekene

Daß deine kühne Faust mich in die Gluth geführt;

Wie solte nicht ein Weib in ihren Geist entbrennen

Wann ihr ein Abelard so schöne Funcken rührt?

Das Wort damit dein Mund mein Ohre hat be-

stritten

Bezwang mir auch den Geist durch süsse Zauberey.

Ich bin mein Edler Freund durch deine Hand geglit-

Und lebte sonder dich von allem Falle frey.

Ich bin durch dich allein auß dem Gewichte kom̃en

Doch wer durch Helde fält der fält nicht ohne Ruhm

Daß du mich hast bekriegt und mir das Heft genom-

men

Das bleibt der beste Schatz von meinem Eigenthum.

Mein Einfalt schärftest du durch viel gelehrte Küsse

Die Geilheit legtest du in bunde Schalen ein

Es machte mir dein Kuß Gall v. auch Wermut süsse

Du liest Vertrauligkeit der Keuschheit Wiege seyn.

Es war die Buhlerey mit Weißheit überzogen

Ja unsre Geilheit selbst mit Keuschheit angethan

Mit solcher Liebligkeit ward unser Lust gepflogen

Daß ich sie auch itzund nicht gäntzlich tadeln kar.

Es gieng die Schlüpfrigkeit in einem reinen Kleide

Ich ward von deiner Brunst geziehret nicht befleckt

Es war mein Purpur Rock nicht ohne weisse Seide.

Wer liebt die Speise nicht so nach der Tugend

schmeckt.

Als Monde wolt’ ich nur durch dich o Sone scheinen.

Mich schreckt auf deiner Schoß kein Bild betrübter

Nacht (nen

Ich dacht’ auf dieser Welt forthin nicht mehr zu wei-

Ach daß sich unser Lust zur Unlust Mutter macht.

Du hattest mir so viel von Tugend fürgestellet

Daß sich die Schelmerey dadurch nicht blicken ließ.

Mit solcher Liebligkeit ward ich durch dich gefället

Daß ich in Lust entzückt es nicht mehr Sünde hieß.

Mich deucht ich sündigte diß Sünd’ un Schuld zu-

nennen

Was süsser ist als Most un nach Jeßminen schmeckt.

Ich meynt’ ich würde hier in einer Flamme brennen

So nur zu leutern weiß und nichts an uns befleckt.

Ich schlug in solcher Lust Geist und auch Auge nieder

Wer Adlern gleiche sieht wird durch die Liebe blind

Was ich aldar empfand bringt mir kein Monath

wieder

Es ist verrauschte Flut un längst verrauchter Wind.

Ich will forthin nicht mehr in Liebes Schrancken

kämpfen

Ich will itzt Meisterin von meinem Blute seyn.

Ich weiß der Him̃el selbst wird meine Lüste dämpfen

Und druckt mir albereit der Keuschheit Siegel ein.

Ein guter Vorsatz kan uns mehr als Stahl ver-

schneiden (Ruh

Wer ihm sich selbst entbricht sährt in den Port der

Wir schmecken keine Lust als in der Lust zu meiden

Und was dein Leib entgeht das wächst der Seele zu

Es hat mein Abelard mich niemahls recht geliebet

So er der Meynung ist daß ich ihn lassen kan

Ein edles Weib wie ich so nicht als Hure liebet

Schaut Leibespracht als Spreu die Seel als körner

Man muß die Liebe nicht mit gleicher Ele messen

Gemeine Buhlerey sucht nichts als Fleisch un Blut

Doch der ein edler Geist das Hertze hat besessen

Die läst das Schlacken Werck und sucht ein höher

Gut. (ret

Hat mich dein Zucker Mund zu Fleischlich angerüh-

Und in ein Rosenthal ein schlüpfrich Haus gebaut

So hat doch keine Brunst wir die Vernunft entfüh-

Es hat ein jeder Kuß auf deinen Geist geschaut.

Ich hielt vor ungereimt den edlen Leib zu hassen

Wo dein erlauchter Geist so kluge Hofstadt hielt.

Kam gleich mein Abtlard mich fleischlich zu umfassen

So schertzt ich mehr von Lieb als Geilheit angefült.

Ich weiß der Himmel läst uns leicht Genade finden

Der unser Seele hat tief in das Bluth gesetzt

Ach schreib ich auch zuviel? dergleichen zarte Sünde

Seyn der Vergebung mehr als Grobe werth ge-

schätzt.

Als Engel werd ich dich forthin umbfassen können

Was Männ-un Weiblich heist bedenckt die Seele

nicht

Es scheint die Sterne selbst belachen mein Beginen

Und haben Cronen mir von Strahlen zugericht.

Wir wollen einen Sitz von Tugend-Liljen bauen

An dem kein schartzer Fleck verwehrter Lüste klebt;

Die Welt wird mich un dich in einem Bande schaue

Auf de die Kostbarkeit von Zucht-Gewircke schwebt.

Die Seelen werden sich auf eine Weisse küssen

Die man empfinden kan doch nich zu nennen weiß.

Ein süsses Etwas wird von Geist zu Geiste flüssen

Vor Liebestöckel pflantzt man künftig Ehren-Preiß.

Viel hundert Jahre Rost wird unsern Ruhm nicht

stören;

Gesezte Tugend sprost auch aus der Buhlerey.

Wer allzu eifrig zörnt wird diese Worte hören:

Gar wenig Mensche seyn von Lieb und Blattern frey

Ich küsse dich itzund in diesem kurtzen Schreiben

Die Seele schreibet mehr als diese schwache Hand.

Laß mich nur deine Magd in Ewigkeit verbleiben

Ich bin dir längst verschenckt du darfst kein ferner

Pfand.

Vor deinen Schaden kan ich itzt kein Pflaster sende

Wenn meine Wehmut man nicht deine Salbe heist.

Hiermit empfehl’ ich dich des Him̃els treuen Hände

Der heile deinen Leib und stärcke meinen Geist.