Herbstakkorde

By Clara Müller-Jahnke

Written 1882-01-01 - 1882-01-01

Laublose Aeste

strecken die Bäume

wie flehend erhobene

Hände gen Himmel,

und wo ich schreite:

zu meinen Füßen

ein dürres Rascheln,

als glitte zur Seite

mir leicht der Tod . . .

Im Hauch des Nordwinds

flattert hoch oben

im Wipfel der Eiche

das letzte Blatt.

Wehe hernieder,

einsames Blatt!

Nieder zum Staub

müssen die bunten

schimmernden Kinder des Lenzes alle;

nieder zum Staub

müssen die seligen

Blütenträume des Menschenherzens,

müssen die stolzen

Lichtgedanken der Menschenstirne – –

und er selber, der Mensch,

der hochgewaltige, seelenbegabte

Erdgebieter,

nieder muß er,

nieder zum Staub!

Du kennst sie, die ewigen

wandellosen Gewalten – –

was sträubst du dich?!

Schärfer weht der Nordost.

Durch kahles Gezweig

kichert und pfeift

sein eisiges Gelächter . . .

Einsames Blatt,

du sinkst!