Hertzens-Angst eines bußfertigen Sünders
Written 1640-01-01 - 1640-01-01
Mein Heyland! was werd' ich beginnen!
Ich gantz mit Lastern überhäufft
In tieffsten Unglücks-Schlam vertäufft.
Jetzt werd' ich meiner Boßheit innen
Jetzt werd' ich durch mich selbst erschreckt:
Indem mich deine Gnad auffweckt.
Und mir wie hoch ich dich verletzet
Und hart erzörnt vor Augen setzet.
Wie wird mir ach! ach! mein Gewissen
Fühlt schärffster Wunden grimme Noth!
Mein Hertz erschüttert ob dem Todt
Und wird vom innern Wurm durchbissen.
Rinnt herbe Thränen Tag und Nacht!
Rinnt rinnt des Höchsten Donner kracht!
O wann nichts übrig mehr als Sterben!
O könt ich in der Grufft verderben!
Ich leider bin von Gott geschieden!
Durch eine Maur' ob der mir graut
Die ich von Missethat gebaut!
Nun miß' ich Freude Trost und Frieden.
Ich schau der Höllen offnes Hauß
Speit auf mich Glut und Marter aus!
Des Höchsten Gri i wil Urtheil sprechen
Und schon den Richterstab zubrechen.
Der Himmel wird mir ach! geschlossen
Er deckt mit Wolcken seine Zier
Die heil'gen Wächter fliehn für mir
Kein Trost ko it mehr herab geflossen
Ich schaue nichts als Blitz und Nacht
Indem erhitzter Wetter Macht
Mit viel verhärter Donner-Knallen
Auf meinen Scheitel dräut zu fallen.
Die Erd' ermüdet mich zu tragen
Bricht unter mir ich schau die Klufft
In der man ewig Zetter rufft!
Ich schau die Werckstatt grauser Plagen
Ich schau verruchter Seelen Pein!
Ach! was kan mehr erschrecklich seyn!
Mehr schrecklich ists daß in den Bränden
Die Marter nimmermehr zu enden.
O grauser Anblick! kan ich sehen
Hier schau ich was ich je begieng
Und wider meinen Gott anfing;
Was je gewünscht gedacht geschehen!
Hier schau ich was ich unterließ
Was ich vor Gnade von mir stieß
Weh! weh mir! weh mein gantzes Leben
War nur des Satans Dienst' ergeben
Wie wickel' ich mich aus der Ketten
Die Brust und Glieder schon umfast?
Wer rettet mich von dieser Last?
Darff ich vor Gottes Richtstul tretten?
Was geb ich an? was wend ich vor
Ich der vor ihm stopfft Hertz und Ohr!
Kan ich ihm wol auf tausend Fragen
Auch nur ein' einig' Antwort sagen.
Ach Jesu die fall ich zu Fusse
Der du dich hast zum Heil der Welt
In Noth und Marter eingestellt
Ich ko i in ernster Reu und Busse.
Du hast ja des Gesetzes Fluch
Und ungerechter Richter-Spruch
Daß ich nicht ewig möcht umkommen
Unschuldig über dich genommen.
Du hast als du vor mich gestorben
Und dein gekröntes Haupt geneigt
Und dein eröffnet Hertz gezeigt
Mir die Gerechtigkeit erworben
Hat nicht dein Rosinfarbes Blut
Gelescht der Höll erhitzte Glut
Ach ko i denn ko i mich zu entbinden
Ko i dann und tilge meine Sünden.
Ach ko i und heile meine Wunden!
Brich ein was zwischen mir und Gott.
Du hast ja durch den heilgen Todt
Mit mir auf ewig dich verbunden.
Wie könt ich denn verlassen stehn!
Wie könt ich Trostloß von dir gehn!
Nein! nein! mit dir wil ich obsiegen
Laßt Fluch und Sünde mich bekriegen!