Horaz

By Paul Heyse

Written 1872-01-01 - 1872-01-01

Hier am Ufer des Sees, der mir von Süden her

Unterm Hauche des Föhn hoch an die Brüstung spritzt,

Wandl' ich lesend und sinnend,

Meinen alten Horaz zur Hand;

Noch das nämliche Buch, draus in der Prima schon

Lang versunkener Welt Zauber mich angerührt;

Denn es kehrt zu der ersten

Lieb' uns immer das Herz zurück.

Und ich denke, wie früh ernst ich beflissen war,

Dem Venusischen Schwan zagenden Flügelschlags

Mich auf rhythmischen Flügen

Nachzuschwingen begeistrungsvoll;

Wie ich groß mich gedünkt, wenn im alkäischen

Oder sapphischen Maß eine der Oden mir

Nachzustammeln geglückt war

In pedantischem Schülerdeutsch.

Damals zog ich zumeist jene Gedichte vor,

Drin ein zärtlicher Hauch wittert der Leidenschaft

Und des Leides, mit dem die

Falschheit immer der Treue lohnt.

Pyrrha glaubt' ich zu sehn, von dem begünstigten

Neuen Liebsten umarmt unter der schattigen

Rosenlaube, dieweil sich

Stolz der Dichter zurückezog;

Und in eigener Brust fühlt' ich der Eifersucht

Brand, wenn Lydia frech rühmte des Telephus

Ros'gen Nacken, die schönen

Arme, weiß wie aus Wachs geformt.

Gute Jugend! Es liest jeder ein andres sich

Aus den Versen heraus eines Poeten, dem

Als dem Liebling der Götter

Wenig Menschliches ferne blieb.

Jetzt, da längst ich wie du hing an der Tempelwand

Auf mein triefendes Kleid, als ein Votivgeschenk

Jenem Gott, der im Hafen

Wohlbehalten mich landen ließ,

Lausch' ich, alter Horaz, lieber verständnisvoll

Deinem klugen Gespräch, wenn du vom Weltenlauf

Mit gelassner Entsagung

Sprichst und rühmst die Genügsamkeit.

Dein Kollege Katull drüben auf Sirmio,

Ruhlos bis an den Tod brannte das Herz in ihm.

Du taugst besser zum weisen

Hausfreund einem Gealterten.