Hymne an die Schönheit.

By Gotthard Ludwig Kosegarten

Schönheit, Amme der Kunst, des Dichters traute

Gespielin,

Selige Tochter der Erd' und des erdumarmenden

Himmels,

Von dem Gedanken erzeugt, und von der Empfin-

dung empfangen,

Die du erschienest, ein waltender Dämon, ein

segnender Schutzgeist,

Frieden zu stiften im hadernden Reiche der Kräft'

und der Triebe,

Die du Gehorsam lehrtest das Element und den

Atom,

Die du entlocktest dem starren Chaos der Schöpfun-

gen schönste,

Die du den Massen Gestalt, dem Todten Leben

gewährtest,

Die du der Töne wildes Geschrille zu lieblichem

Wohllaut,

Zu gefälligem Einklang den Schrey der Farben ver-

schmelztest;

Die du uns, Mächtige, leiser itzt, itzt wilder

ergreifest

In der Bewegungen Schwung, im wellenschlagen-

den Umriss,

In der Accorde frohem Gewühl, im Rythmus der

Farben,

In Aurorens Erröthen, im schwellenden Kelche der

Rose,

In der Säule schlankem Gewächs, im Bogen des

Domes,

In der Nachtigall Schlag, im seeleschmelzenden

Liede,

In des Weibes Anmuth, und in der Würde des

Mannes;

Die du den Wilden bezähmst, und den Barbaren

vermenschlichst,

Die du den Rohen erweichst, und die du straffst

den Erschlafften,

Die du den Zorn entwaffnest, die schnaubende

Rache versöhnest,

Und die wiehernde Gier veredelst zu flehender

Liebe;

Die du schlichtest den herben Kampf im Busen der

Menschheit,

Jegliche Fehde verträgst, und jegliche Zwietracht

vereinest,

Jegliche Pflicht verlieblichst, und adelst jegliche

Neigung;

Die du uns lösest vom Joch des Instincts, aus der

Sinne Beschränktheit

Uns ins Unendliche hebst, aus der Kräfte gähren-

dem Aufruhr

In des Gesetzes heiliges Reich die Schwindelnden

rettest;

Die du verkörperst den Geist, und wieder den

Körper vergeistigst,

Mit lebendigem Hauch die träge Masse besee-

lest,

Mit der Linken der Pflicht, und mit der Rechten

der Neigung

Wechselnd kosest, die Pflicht mit Anmuth kränzest,

der Neigung

Würd' und Adel gewährst, dass freygesprochen und

selig

Die vollendete Menschheit aus deiner Umarmung

hervorgeh —

Schönheit, Schönheit, der Sterblichen Preis, der

Unsterblichen Schoosskind,

Heitere, Fröhliche, Freye, Anmuthige, Blühende,

Frische,

Reine, Keusche, Klare, Gefällige, Spielende,

Leichte,

Zweyen Welten verwandt und beyden hold und

gewärtig,

Busenfreundin der Wahrheit und Blutsverwandte

der Tugend,

Günstling des Himmels und Liebling der Erde und

Schutzgeist der Menschheit —

Sey uns, Hehre, gegrüsst, und sey uns gnädig,

du Milde;

Öffne, Göttin, das blinzelnde Auge, die wegernden

Ohren,

Jenes der lieblichen Form, und diese dem zaubern-

den Wohllaut;

Stimme die Dissonanzen im Busen zu lauterem Ein-

klang,

Schmelze das störrige Herz in thränenträufelnde

Wehmuth,

Stähle die Sehne des trägen Betrachters zu freudiger

Thatkraft,

Löse die Fessel des Stoffs vom wunden Nacken

des Rohen,

Reiss' aus der Former frostigem Arm den lauen

Beschauer,

Führ' an des Triebes schwellende Brust den ernsten

Gedanken,

In die Arme der Pflicht die leicht verlockende

Neigung —

Löse, Göttin, mit leisem Finger, den Knoten der

Menschheit,

Steigre zum Menschen das Thier, und adle zum

Dämon den Menschen.