Hymne an die Schönheit.
Schönheit, Amme der Kunst, des Dichters traute
Gespielin,
Selige Tochter der Erd' und des erdumarmenden
Himmels,
Von dem Gedanken erzeugt, und von der Empfin-
dung empfangen,
Die du erschienest, ein waltender Dämon, ein
segnender Schutzgeist,
Frieden zu stiften im hadernden Reiche der Kräft'
und der Triebe,
Die du Gehorsam lehrtest das Element und den
Atom,
Die du entlocktest dem starren Chaos der Schöpfun-
gen schönste,
Die du den Massen Gestalt, dem Todten Leben
gewährtest,
Die du der Töne wildes Geschrille zu lieblichem
Wohllaut,
Zu gefälligem Einklang den Schrey der Farben ver-
schmelztest;
Die du uns, Mächtige, leiser itzt, itzt wilder
ergreifest
In der Bewegungen Schwung, im wellenschlagen-
den Umriss,
In der Accorde frohem Gewühl, im Rythmus der
Farben,
In Aurorens Erröthen, im schwellenden Kelche der
Rose,
In der Säule schlankem Gewächs, im Bogen des
Domes,
In der Nachtigall Schlag, im seeleschmelzenden
Liede,
In des Weibes Anmuth, und in der Würde des
Mannes;
Die du den Wilden bezähmst, und den Barbaren
vermenschlichst,
Die du den Rohen erweichst, und die du straffst
den Erschlafften,
Die du den Zorn entwaffnest, die schnaubende
Rache versöhnest,
Und die wiehernde Gier veredelst zu flehender
Liebe;
Die du schlichtest den herben Kampf im Busen der
Menschheit,
Jegliche Fehde verträgst, und jegliche Zwietracht
vereinest,
Jegliche Pflicht verlieblichst, und adelst jegliche
Neigung;
Die du uns lösest vom Joch des Instincts, aus der
Sinne Beschränktheit
Uns ins Unendliche hebst, aus der Kräfte gähren-
dem Aufruhr
In des Gesetzes heiliges Reich die Schwindelnden
rettest;
Die du verkörperst den Geist, und wieder den
Körper vergeistigst,
Mit lebendigem Hauch die träge Masse besee-
lest,
Mit der Linken der Pflicht, und mit der Rechten
der Neigung
Wechselnd kosest, die Pflicht mit Anmuth kränzest,
der Neigung
Würd' und Adel gewährst, dass freygesprochen und
selig
Die vollendete Menschheit aus deiner Umarmung
hervorgeh —
Schönheit, Schönheit, der Sterblichen Preis, der
Unsterblichen Schoosskind,
Heitere, Fröhliche, Freye, Anmuthige, Blühende,
Frische,
Reine, Keusche, Klare, Gefällige, Spielende,
Leichte,
Zweyen Welten verwandt und beyden hold und
gewärtig,
Busenfreundin der Wahrheit und Blutsverwandte
der Tugend,
Günstling des Himmels und Liebling der Erde und
Schutzgeist der Menschheit —
Sey uns, Hehre, gegrüsst, und sey uns gnädig,
du Milde;
Öffne, Göttin, das blinzelnde Auge, die wegernden
Ohren,
Jenes der lieblichen Form, und diese dem zaubern-
den Wohllaut;
Stimme die Dissonanzen im Busen zu lauterem Ein-
klang,
Schmelze das störrige Herz in thränenträufelnde
Wehmuth,
Stähle die Sehne des trägen Betrachters zu freudiger
Thatkraft,
Löse die Fessel des Stoffs vom wunden Nacken
des Rohen,
Reiss' aus der Former frostigem Arm den lauen
Beschauer,
Führ' an des Triebes schwellende Brust den ernsten
Gedanken,
In die Arme der Pflicht die leicht verlockende
Neigung —
Löse, Göttin, mit leisem Finger, den Knoten der
Menschheit,
Steigre zum Menschen das Thier, und adle zum
Dämon den Menschen.