Hymne an die Tugend.

By Gotthard Ludwig Kosegarten

Dichten will ich ein Lied der unvergänglichen

Tugend.

Dichten will ich es heiss und kühn, dass, wer

sie verkannte,

Schnell aufspringe, die Hohe zu suchen, und wer

sie errungen,

An die Brust sie drücke mit voller Bräutigams-

inbrunst.

Tugend, Himmelgeborne, der Gottheit edelste

Gabe,

Labsal ewiger Geister, des Jünglings Sehnsucht,

des Mannes

Fernher strahlendes Ziel, des Greises theuer er-

rungnes

Höchstes Gut — Vergönne du Göttliche, dass ich

die Schwelle

Deines Heiligthums schauernd beschreite, dass ich

des Schleiers,

Welcher dein Angesicht deckt, den Zipfel, den

äussersten, lüpfe;

Dass ich schaue den Reiz, in welchen entbrannt,

die Heroen

Jeglicher Zeit und jeglichen Volks, in Gefahren

und Tode

Freudig sich stürzten, und gross und berühmt und

unsterblich sich starben,

Weil sie starben für dich. Ich sehe die Himmlische.

Dämmern

Seh' ich die Formen der Göttergestalt im fliessenden

Zwielicht.

Schauer ergreifen das Herz, und heilige Schrecken

den Kühnen.

Tugend, Tugend, der Gottheit Schoosskind,

Schutzgeist der Menschheit,

Tugend, wie bist du schön! Vor allen Töchtern

des Himmels

Schön und lieb und geschmückt mit herzbesiegenden

Reizen!

Wie so edel die Stirne gewölbt! Das gebietende

Auge

Flammen schleudernd! Die Wangen geröthet von

Thatenbegierde!

Lilienweiss dein Gewand, geschürzt mit dem Gürtel

Aurorens.

Tugend, kräftige Rebe, gepflanzt vom Schöp-

fer, gediehen

Durch des Himmels Regen und Thau zum schatten-

den Weinstock!

Siehe, wie funkeln an ihr, wie glühen die pur-

purnen Trauben!

Schau, wie perlt im goldenen Becher der duftende

Heilsaft!

Welcher dürstet, der komm'! und wessen Lippe

geweiht ist,

Komm' und trinke des köstlichen Weines, und

schwöre, von nun an

Nimmer zu kosten der Sinnlichkeit Kelch, noch

den Becher der Wollust.

Tugend, wie bist du süss dem Liebling, dei-

nem Erkohrnen!

Wie der einsamen Braut das Angedenken des Trau-

ten!

Wie des heiligen Liedes Besuch der Seele des

Dichters!

Tugend, wie bist du stark, du Unüberwind-

liche Gottes!

Bändigst die Lieb' und den Tod, die Bändiger jeg-

licher Stärke;

Lächelst, goldene Aehre, dem Stahl des Schnitters

entgegen;

Opferst grossmuthvoll dein Letztes Bestes dem

Schicksal.

Auf von der Erde, hindurch die Luft, weit

über die Sterne

Wehet der Duft, erschallt der Ruf der Thaten der

Tugend.

Melde, mein Lied, damit dich der Spötter des

Dünkels nicht zeihe,

Melde, was Tugend ist, damit du spottest des

Dünkels.

Hemme den Flug ein wenig, Begeisterung! Lass

uns die Schwester,

Lass uns, was Tugend sey, die kühlere Denkerin

fragen! —

Nannten die Weisen dich nicht das Leben des

Geistes, sein wahres

Unabhängiges Seyn, des Gemüthes kostenden Gau-

men,

Sein leishörendes Ohr, sein sorgsam prüfendes

Auge,

Seinen sicheren Schritt auf graden Pfaden des

Rechtes,

Seine Monarchengewalt, zu steuern den lüsternen

Sinnen,

Dass nicht den göttlichen Geist der Wollust Schlaf-

trunk entmanne,

Dass nicht des Schmerzes Wuth der ewige Heros

erliege?

Bist du nicht, Hehre, der Saiten der Seele

lauterste Stimmung,

Ihr harmonischer Einklang in die Akkorde der

Schöpfung,

Ihr Einfugen im Gliederbau der sittlichen Ord

nung,

Ihr Behagen an sich, ihr Gernedaheimseyn, ihr

Jauchzen,

In sich selbst, im Lebensgefühle der vollen Ge-

sundheit!

Bist du nicht, Holde, die süsse, die selige

Liebesempfindung,

Welche den Geist hinneigt zur uranfänglichen

Schönheit,

Ihr Mitwirken zum sicherberechneten Besten des

Ganzen,

Ihr Hinschaun auf das Eine Nothwend'ge, ihr herz-

liches Sehnen,

Ihr unermüdsames Streben, zu schaffen in sich,

und um sich

Höhere Ordnung, lichtere Klarheit, reineren Ein-

klang?

Schau, wie quellen, wie rieseln, wie rauschen

in mächtigen Fluthen

Nie versiegende Ström' aus dem unausschöpflichen

Urborn,

Und durchwässern das Land, und schwängern es,

dass es gebäre

Kräftige Keim'; es schossen die Keim' im Antlitz

des Himmels,

Blühn und wehn weit über die Flur in wogenden

Saaten.

Reine Jungfrau, wie sind aus deinem züchtigen

Schoosse,

Wie der Söhne so viel, so viel der Töchter ent-

sprossen!

Siehe, wie schweben die Schönen dahin, wie stei-

gen die zarten

Reinen Täublein, die freudigen sonnanfliegenden

Adler,

Lauschend auf deinen Wink, gerüstet, den Wink

zu vollführen!

Lass mich singen die stattlichen Söhne, die

blühenden Töchter!

Der du, ernsten Blicks, gehorsamheischenden

Anstands,

Hader schlichtend, und Frieden gebietend, und

Brüder versöhnend,

Jene Schaaren durchwallst; wer bist du, Himmel-

geborner?

Rede, wer bist du! wer trittst du einher so

trotzigen Schrittes?

Sey mir gegrüsst in deinem Vermögen! Dich grüssen

die Völker,

Grader gerechter Sinn! Des Rechtes ewiger

Eckstein!

Goldner Pfeiler der himmlischen Ordnung! Schrecken

des Drängers!

Aber der Leidenden Hort, ein Schild der flüchten-

den Unschuld.

Siehe, wie birget so blöde sich hinter dem

schattenden Mayen,

Wie so sittsam verhüllt, umrollt von fliessenden

Locken,

Feuernd die Wange von Scham, die Brust von

Rosen umduftet,

Liebenswürdig und allgeliebt die heilige

schuld!

Ach, wie senkt sich ihr Blick vor jedem fremderen

Anblick!

Ach, wie erschrickt ihr Ohr vor jedem leisen Ge-

flister!

Ach, wie zittert ihr Herz von ungestandnen Ge-

fühlen!

Warum fliehst du, wie schüchterne Rehe des Wal-

des, Geliebte?

Hüte dich! Rein ist dein Kleid; dass der Gasse

Staub es nicht schmutze!

Zart dein Antliz; dass nicht der sengende Mittag

es bräune!

Aber geschmiegt an die göttliche Mutter, mit

trauerndem Anstand,

Mit gesenkterem Blick, mit thränenschimmernden

Augen,

Seufzergehobner Brust, und mitleidlächelnder

Lippe,

Redet, wer ist sie, wer sieht sie so trüblich, ein

Stern aus des Abends

Thauendem Dufte? — Ich kenne dein Antlitz —

die segnenden Völker

Nennen dich

Tochter der Mutter,

Dich, den Liebling der Erd' und des Himmels.

Reges Erbarmen

Schwellet dir ewig die Brust, und ewig nässen die

Augen

Thränen des Mitleids. Die Plagen des Lebens, der

Stachel der Armuth,

Und des Schmerzes durchdringender Schrey, der

schweigende Jammer,

Den nur die Mitternacht hört; der Trennung Herz-

leid, der Jammer

Brechender Augen und berstender Herzen, der

Übriggebliebnen

Trostverschmähendes Händeringen, zerfleischet, zu

Weiche,

Dir das fühlende Herz; doch schweigst du, eilest

und rettest.

Schau, wie sie schleicht mit schwellendem Schooss in

die Hütte der Armuth!

Sieh, wie sie träufelt Öl und Wein in die Wunden

des Siechthums!

Wie sie sich grämt mit dem düsteren Gram! zur

stummen Verzweiflung

Setzet sie auf den Gräbern sich hin, und waget

den stummen

Starren Schmerz zu mildern in heilende Wehmuth. —

Wie schallt es

Hoch um die Göttliche her von Dankgestammel,

von lautem

Lobgepreise, von Stimmen der segnenden Liebe!

Die Stimmen

Klingen der Edlen, wie Lispel aus Edens seligen

Chören.

Sie durchströmet der Götter Gefühl, das nimmer-

gesungne,

Nimmerzusingende Himmelsgefühl, unsäglich zu

lieben,

Und unsäglich geliebt zu seyn, wie die selige Gott-

heit.

Neben der Göttlichen strahlst, in voller Reife

der Schönheit,

Du, o Lockens und Kants und Sokrates Freundin,

o

Schau, wie sie heftet den prüfenden Blick auf das

Wahre, das Gute!

Wie sie folgt mit geschärftem Auge dem Fluge des

Denkers!

Wie sie worfelt die Spreu von dem reinen Weizen,

die Schlacken

Siebenmal abschmelzt, eh sie des lauteren Goldes

sich freuet!

Sinnend geht sie einher am Rande des Baches, und

spähet

In der Natur verborgenem Schooss. In die Tiefen

des Erdballs

Steigt sie hinab, und erfliegt in gestirnten Nächten

den Himmel.

Jegliche Feder und jegliches Rad des gewaltigen

Uhrwerks,

Alles Endlichen Maass und Zahl und Inhalt er-

forscht sie;

Jegliche Falt' im Herzen der Menschen entblättert

sie; jede

Chiffer im offenen Buch des Menschengesichts liest

sie.

Jeder leisen Begier und jeder dämmernden Ahn-

dung

Folgt sie durch labyrinthische Gäng' in das heilige

Dunkel

Ihrer Geburt. Sie ergründet des Wissens schwin-

delnden Abgrund,

Misst die Kräfte, und reiht die Geschlechter, und

ordnet die Arten,

Unermüdsam besorgt, zu fassen die Regel des

Ganzen,

Einzugreifen mit rüstiger Kraft in der herrlichen

Schöpfung

Starkes Getrieb', in die Axe des unermesslichen

Weltalls —

Wachsende Sittlichkeit zu fördern, und steigende

Gnüge.

Siehe die Zwillingsschwester der Weisheit; die

Mutter gebar sie

Neben der frühern, und nannte sie

Frisch ist ihr Ansehn;

Schlank ihr Wuchs; behend ihr Bewegen; die Gluth

der Gesundheit

Färbt ihr den blaugeaderten Arm und die Fülle der

Wange.

Denn sie leeret nur halb des Weins berauschenden

Becher;

Sparsam geneusst sie der Frucht des Halms, und

des Saftes der Palme;

Nimmer verwöhnt ihr den Gaumen die kitzelnde

Würze des Auslands.

Nimmer ertappt sie die goldene Sonn' in späterem

Schlummer.

Jede niedre Begier und Gunst erschlaffender Wol-

lust

Opfert sie willig dem edleren Dienst der Schwester,

der Weisheit.

Diese die göttlichen Kinder der göttlichen

Mutter. Die Bosheit

Zürnt' ob ihrer Schöne, verschwor sich, ewige

Fehde

Ihnen zu bieten. Da ward dem waffenlosen Ge-

schwister

Ein Beschirmer geboren, ein kriegrischer Bruder.

Gewaltig

Ist sein Arm, wie der Blitz, sein Schild ein fun-

kelnder Demant,

Seine Lanze gestählt in Sirius feurigem Ofen.

Heldenmuth ist sein Name. Sein Thun ist Schwei-

gen und Retten.

Mächtig bahnt er die Pfade des Rechts dem richten-

ten Bruder;

Fürchterlich bäumt er die strahlende Lanze zu schir-

men die Unschuld.

Jede grelle Gefahr, die, ein Riesengebirg', vor ihm

aufsteigt,

Überspringt er, wie Maulwurfshügel. Der Tück'

und der Bosheit

Schleudert er Kling' und Schaft der splitternden

Lanz' an die Stirne.

Sieh, wie er spottet in seinem Vermögen des Wüthe-

richs Ohnmacht!

Wie er so ruhig steht dem hämisch grinsenden

Tode!

Flammen sprühet sein Blick, und Strahlen die Stirne.

Gewaltig

Schwillt ihm die Sehne, gewaltig der zuckende

Muskel. Es strafft sich

Jegliche Kraft in ihm, zu retten die leidende Un-

schuld,

Zu zermalmen den Dränger, zu sühnen jegliche

Thräne,

Die er entpresste, mit lauen Strömen des schuldi-

gen Blutes.

Tugend, wie lächelst, wie prangst du in Mit-

ten deiner Erzeugten!

Wer mag nennen die Kinder, die deiner Wurzel

entsprossten,

Wer ermessen die Thaten, die ihren Rechten ent-

blitzten!

Wer erzählen die Namen der Edeln, der Helden

und Weisen,

Welchen du würdigtest, Hehre, zu zeigen das

göttliche Antlitz,

Dass sie, von deiner Schöne gerührt, entzündet in

Liebe,

Schnell an die duftende Brust dir sanken, vom lin-

den Gesäusel

Deines Athems beseelt, gekräftigt durch deine Um-

armung

Thaten thäten, darob der staunende Erdkreis auf-

stand!

Soll ich singen die Namen der Helden, die

Preise der Thaten,

Welche flammen in Sternenschrift am Bogen des

Himmels,

Welche verkündigt die Vorwelt der Zukunft, der

Äon dem Äon,

Welche der späte Enkel, der Jüngling werdender

Zeiten,

Hört, und entbrennt, auffährt aus schönen Träumen,

sich grämet,

Dass er nur träumte, ergrimmt ob seiner Dunkel-

heit, aufspringt,

Strebt, wie die Väter zu seyn, und gleich den

Vätern berühmt wird? —

Singe sie nicht, mein Gesang! In der Zeiten strö-

mendem Jubel

Würde doch nur unhörbar dein leises Lispeln ver-

hallen,

Wie das Säuseln des Blattes im tausendstimmigen

Sturmwind.

Aber singe die selige Ruhe der Tugend, den

Frieden;

Singe, welchen die Hohe gewähret dem Sohne des

Staubes,

Welcher die Himmlische sich erkohr zur Braut und

Gespielin.

Heil dem Gottgeliebten, dem Freund und Jün-

ger der Tugend!

Mög' er wohnen in leimerner Hütte am Rauschen

des Baches,

Mög' er weiden mit Ruthen des Bachs die wollige

Heerde,

Mög' er wohnen in thürmender Burg, und mit gol-

denem Zepter

Nationen weiden — Ihm ist das goldene Zep-

ter

Leicht, wie des Hirten Gerte; dem Hirten die

schwanke Gerte

Lieb und werth, wie dem Völkergebieter das

dene Zepter.

Heil dem Günstling des Himmels! In abgeschie-

dener Stille

Fühlt er sich glücklich, und glücklich im Strudel

der schwindelnden Menge.

Nimmer bewölkt sch sein innerer Mensch. Es er-

starret sein Busen

Nimmer im öden Frost der Seelenleerheit; und

nimmer

Senget ihm aus den Röhren das Mark der Leiden-

schaft Samum.

Heil dem Vielbegabten, dem Nimmerdarbenden!

Nimmer

Mangelt der Schatz ihm, den Diebe nicht stehlen,

und Flammen nicht fressen.

Du, o Mässigkeit, bleibst ihm, und du, o Seelen-

genüge!

Heil dem Gerechten! Wie steht er so freudig,

so sicher! Der Schrecken

Sträubet ihm nimmer das Haar, noch bleichet die

Furcht ihm die Wangen.

Seine Thaten lagern sich um ihn, ein schirmendes

Kriegsheer.

Furchtlos tritt er einher. Statt einer ehernen

Mauer

Dient ihm, vor keiner Schuld zu erblassen, vor

keinem Verbrechen.

Selig ist er. Der Eymer der Freuden leeret sich

nimmer,

Nimmer der Becher lieblicher Kühlungen, welcher

ihn labe,

Wenn ihn die Schweisse der Tugend ermatteten,

weil er die Lasten

Seiner Brüder, und eigene Lasten, zu treulich ge-

tragen.

Hehre Göttin, mein Herz entbrennt dir. Das

glänzende Auge

Weinet dir nach, o allmitleidige Freundin des

Kummers.

Schonend beschwichtigest du des Lebens schluch-

zende Klagen.

Über fliesst von Tröstungen Gottes dein goldener

Becher.

Süss ist dem Gramerschlafften, an deinem Busen zu

athmen,

Lieblich dem Jammermüden, in deinen Armen zu

schlummern.

Tugend, Tugend, der Gottheit Funke, Fackel

des Himmels!

Wehe mir, heilige Flamme, voran auf nächtlichem

Pfade,

Dass nicht irre die täuschende Nacht den zweifeln-

den Wandrer.

Tugend, Tugend, der Menschheit Glorie, Lä-

cheln des Geistes,

Nieversiegender lauterer Quell der lautersten Freu-

den,

Einziges, was hienieden nicht Tand, noch Täu-

schung, noch Traum ist,

Einzige, deren Genuss nicht Reue gebieret, noch

Ekel,

Einzig unabhängige Seligkeit, immer dir selbst

gleich,

Nimmer ändernd, und nimmer alternd, und nimmer

ermüdend,

Unaussingbare Würde des Geistes, Leben des Le-

bens,

Thätig wie Frühling, gewaltig wie Jugend, süss

wie die Liebe,

Wollest dich, Heldin, erbarmen des rastlos schwär-

menden Jünglings

Wollest letzen an deinem Busen sein Dursten und

Schmachten,

Wollest ihn lullen in deinem Schooss in heilenden

Schlummer.

Hab' ich dir nicht, wie der Amme der Säugling,

entgegengezappelt?

Hab' ich dir nicht entgegengedurstet, wie Auen

dem Regen?

Hab' ich nicht fest an dir gehalten im schütternden

Sturme?

Wollest nicht von dir stossen, o Gute, den flehen-

den Waller!

Wollest ihn bergen und retten bey dir, damit ihn

der Jugend

Leidenschaftliche Gluth nicht entnerve, damit er

nicht ewig

Nach verwehetem Rausch hinstarr' in grässliche

Kälte!

Wollst aufhauchen in seinem Innern dein heiliges

Feuer,

Dass er Flüge des Adlers auf Sonnenbahnen er-

fliege!

Wollest ihm reichen dein Schwert, ihm gürten die

rüstige Lende,

Dass er steh' ein freudiger Held in Schlachtenge-

tümmel,

Dass er trotz' an deinem Busen dem Neide des

Schicksals,

Dass er vergesse bey deinem Kuss, in deiner Um-

armung,

Was er an

nenlocken,

Süss wie Lilienduft, und rein wie Lilienblüthe! —

Heimische Erde, du bist der Gräber Heimath.

Des Wandrers

Fusstritt schwindet spurlos dahin. Sein Name ver-

hallet,

Wie der Gesang des Vogels im Walde. Die Winde

des Himmels

Kämpfen um seinen Staub. Ach, tröste mich, ewige

Tugend,

Tröste mich, wenn mich umrauschen des Todes

nächtliche Flügel,

Wenn mich, ein Meuchelmörder, ergreift der Ge-

danke des Tilgens

Aus der Lebendigen Land', und aus der Seele der

Lieben —

Tröste mich, himmlische Tugend, mit deiner ewi-

gen Schöne!

Ewig ist Tugend. Ihr Strahl erlischt, ihr Leben

verwelkt nicht.

Werde laut, mein Gesang, wie Erndtegejauchz,

wie Siegsruf

Nach bestandenem heissen Schlachttag. Stürme die

Harfe

Mächtig hinab in vollen Griffen, und singe der

Tugend

Ewige Schöne, dass kaum die bebenden Saiten es

tragen.

Ewig ist Tugend. Ihr Leuchten erlischt, ihr

Leben versiegt nicht.

Sieh, es verwelkt, es verweset der Blumen

des duftigen Kranzes,

Welche die Stirn' ihr schatten, nicht Eine. Der

hellen Juwelen

Ihres Sterndiadems verblasst in Ewigkeit keine.

Sieh, in der Ewigkeit nimmer ermessenem,

nimmer beschifftem

Ocean treiben die Zeiten und drängen sich Wog'

auf Woge.

Schau, wie fluthen die Hundert! wie rollen die

tausendmal Tausend

Brausend dahin, und reissen hinweg in wirbelnden

Strudeln

Alles, was ist, und war, und seyn wird! — Nur

die Gottheit

Bleibt, wie sie ist und war, und der Gottheit

Tochter, die Tugend.

Horch, wie ächzet, wie stöhnt des Weltalls

mächtige Axe!

Schau, es brechen die Angel der Erde. Die Sparren

des Himmels

Krachen. Der Feste lasurene Wölbungen trümmern.

Der Himmel

Krümmet sich in Gebärerinwehen, ermannet sich,

schüttelt

Sonnen und Erden und Sterne hinunter. Die tau-

melnden Welten

Stürzen zusammen in Schutt und Graus. — Die

göttliche Tugend

Flüchtet die scheiternden Trümmer hindurch, durch

die stiebende Asche,

Durch der berstenden Balle Geschrey, und die

wehenden Flammen

Hoch hinauf zum Stuhle des ewig lebenden Vaters.

Und der ewig liebende Vater breitet die

Rechte

Schirmend über sie aus. Sie küsst die Rechte des

Milden,

Der sie umfängt mit dem waltenden Arm, mit am-

brosischem Kusse

Sie begrüsst, und sie birgt in seinem sicheren

Schoosse.