[Ich bin das reine Glaß/ das noch kein Staub befleckt]
Written 1672-01-01 - 1672-01-01
Ich bin das reine Glaß das noch kein Staub befleckt
Die Lilje welche noch die Bienen nicht besessen
Die Rose deren Blatt kein Käfer noch durchfressen
Das Wuschel-Kind das noch der Mutter Schale deckt
Das Ziel auff welches noch kein fremder Pfeil gezweckt
Der süsse Freuden-Brunn den noch kein Bley gemessen
Die Nuß aus der man kan das Lebens-Oele pressen.
Die Schnecke welche noch die Hörner nie gestreckt
Die Tochter keuscher Scham der Unschuld liebstes Kind
Die Aepffel-Blütte die nun fertig auffzuspringen
Das Müntzhauß drinnen man Vergnügungs-Schätze find
Die Festung welche durch ein einig Thor zu zwingen
Der Liebe Feuer-Zeug die Artzney deren Krafft
Auch Todte lebend macht die edle Jungfrauschafft.
Wie geht mirs aber nun? man flöst mir Nectar ein
Cupido will bey mir den Jungfern-Honig finden
Der Liebe Brand muß mir die Röthe mehr entzünden
Die Perle kan auch in der See nicht sicher seyn
Ein Bogen scharff besähnt zielt auff mein Helffenbein
Was ich verborgen hielt will Fürwitz doch ergründen
Die Liebes-Presse sucht aus mir den Safft zu winden
Mein Wohnhauß wird bestürmt und wär es noch so klein.
Die Mutter läst ihr Kind und weichet selbst darvon
Die Knospe platzet auff der Schatz wird mir gestohlen
Aus meiner Brustwehr wird des Uberwinders Thron
Der Venus-Zunder fängt und brennet endlich Kohlen
Den Arzt ertödtet selbst die fremd-erweckte Krafft
Und endlich stirbt dahin die edle Jungfrauschafft:
So hab ich viel Gefahr von aussen und von innen
Und sehe wie der Tod schon auff der Zunge sizt
Die Poltzen welche man mich zu verletzen spizt
Die List durch welche man mich trachtet zu gewinnen.
Die stets genährte Glutt der angefeurten Sinnen
Die Thränen welche man bey meinem Grabe schwizt
Die Vortheil welche man mich zu verletzen nüzt.
Sind Feinde die ja leicht mich Schwache fällen künnen.
Ich muß doch will ich nicht gantz ungerochen sterben
Den Sieger soll sein Schweiß nebst meinem Blutte färben
Wird mir der Ring entführt die Lantze biegt vom Streit
Man muß mir diesen Ruhm der Großmutt hinterlassen
Ist gleich mein Helden-Tod nicht ohn Empfindligkeit
Ich will doch meinen Feind und Mörder nimmer hassen.
Nun Nimphe finde dich nur willig zu der Bahre.
Ich dancke was ich kan der treu-gepflognen Hutt:
Gib ohne weigern hin mein unbeständigs Gutt.
Der grünen Jugend Preiß verfällt bey grauem Haare
Wer über rechte Zeit verhalten will die Wahre
Wird innen daß er ihm den meisten Schaden thut.
Ihr Schwestern folget nach mit kühnem Helden-Mutt
Was schadets daß man noch was unbekannt erfahre?
Seht wie beherzt ich geh auff dieser heissen Bahn:
Julinde gutte Nacht ich kan nicht länger bleiben
Der süsse Tod klopfft schon bey meinen Lippen an:
Im Fall ich nicht bey dir zu lange Zeit gehafft
So laß mir auff mein Grab mit steiffem Griffel schreiben
Hier liegt was mühens werth Julindens Jungfrauschafft.