Ihr klugen Jungfraun

By Emanuel Geibel

Written 1833-01-01 - 1833-01-01

Ihr klugen Jungfraun

In eurer Kammer,

O schlummert nimmer,

Rüstet die Lampen!

Längst schwand in der Ferne

Des Abendrots Pracht;

Schon künden die Sterne

Die Mitte der Nacht.

Seid munter und wacht!

Wie lang wird es währen,

So nahet der Bräutigam,

Der König der Ehren.

Drum schlummert nimmer,

Rüstet die Lampen!

Nun salbt euch mit Düften!

Legt an das Geschmeid'!

Umgürtet die Hüften

Mit purpurnem Kleid!

Der Herr ist nicht weit.

Auf güldnen Geschirren

Bald gilt's ihm zu zünden

Weihrauch und Myrrhen.

Drum schlummert nimmer,

Rüstet die Lampen!

Durch Wälder und Wogen,

Durchs finstere Land,

Still kommt er gezogen,

Die Kron' in der Hand.

Sein Herz ist entbrannt

Von himmlischer Minne;

Doch forschend verzieht er,

Zu prüfen die Sinne.

Drum schlummert nimmer,

Rüstet die Lampen!

Weh denen, die liegen,

Vom Schlaf unterjocht,

Wenn endlich, die Stiegen

Beschreitend, er pocht.

Verlöscht ist ihr Docht.

Verstoßen vom Funkeln

Des Festes dann gehn sie

Und weinen im Dunkeln.

Drum schlummert nimmer,

Rüstet die Lampen!

Doch die da sich schmückten

Und warteten sein,

Er führt die Entzückten

Zur Herrlichkeit ein.

Holdseliger Schein

Ist drinnen ergossen,

Wo hoch um das Lager

Die Lilien sprossen.

Drum schlummert nimmer!

Rüstet die Lampen!