[Ihr Seiten greifft euch wieder an]

By Simon Dach

Written 1632-01-01 - 1632-01-01

Ihr Seiten greifft euch wieder an,

Laßt sehn was ewer Meister kan,

Der zimlich nun hat still geschwiegen,

Vnd euch fast müssig lassen liegen

Seit her die All' vnd Inster Ihn

Vmb jhren Rand gesehen ziehn,

Da wo die Fluht der Angerappen

Sich von dem Pregel läßt betappen.

In dessen hat der Sonnen Pracht

Nur neunmahl vns den Tag gebracht,

Vnd eben so viel mahl auff Erden

Es lassen bey vns finster werden.

Doch hat der Tod in dieser Zeit

So wehrte Männer abgemeyt,

Die ich durch ewre pflicht, jhr Seiten,

Nicht können an jhr Grab begleiten.

Pouchenius, der Gottes Wort

So trewlich hat gelehrt, ist fort,

Der billich erst recht sollen alten,

Hätt' vnser Wunsch nur können walten.

Nach jhm fährt auch Herr Heuschkel hin,

Der recht war nach der Frommheit Sinn,

Der so viel Freundschafft mir erwiesen

Stirbt, vnd von mir zwar vngepriesen.

Gewünschte Seelen, welches Zelt

Des Himmels ietzund Euch enthält,

Mit was für außerwehlten dingen

Ihr dort die weile zu-mögt-bringen,

Was jhr besitzt für theure Rhu,

Mäßt dißfals mir die Schuld nicht zu,

Ihr seyd mir vnverhofft verblichen,

Weil ich in etwas war entwichen.

Nehmt, bitt' ich, nehmt von mir für gut

Der trewen Seufftzer heisse Glut,

Die strenge Bache bittrer Zehren,

Mehr weiß ich euch nicht zugewehren.

Insonderheit weil ewer Preiß

Steigt über aller Lieder fleiß,

Vnd hat ietzt gäntzlich nicht von nöthen

Der Kehlen sterblicher Poeten.

Vieleicht (wer kennt des Himmels Raht?)

Sol mein Gesang nicht haben stat

Verknüpfft mit vnverrückten Liedern,

Ohn hie bey diesen zweyen Brüdern.

Herr Doctor Behm war es zuletzt

Dem ich ein Leich-Lied auffgesetzt,

Sein Bruder wird nach Ihm besungen

Zuerst vermöge meiner Zungen.

Die, so Geburt vnd Ankunfft bindt,

Die fast zugleich verblichen sind,

Sich hertzen dort in heilgen Flammen,

Knüpfft auch mein schlechtes Lied zusammen.

So komm, du wehrter Greiß, vnd sey

Der Inhalt meiner Melodey,

Ich bin bemüht nach deinem Leben

Dich, wie mir möglich, zu erheben.

Wiewol du lebst in Gottes Reich

Vnd bist den lieben Engeln gleich,

Rein, heilig, ewig, außerkohren,

Begnügt, belebt vnd new gebohren,

Kein Tod hat mehr Gewalt an dir,

Jedennoch bleibet etwas hier,

Das, wie der Leichnam, wird begraben

Im fall es nicht kan Tichter haben.

Dein Name, wird er nicht befreyt,

Fährt stracks in die Vergessenheit,

Denn Zeit vnd Fall reißt alles nieder,

Ohn der Poeten weise Lieder.

Du warst kein Leib ohn Hertz vnd Muth,

Der Höchste gab dir Glück vnd Gut,

Doch auch die edle Kunst daneben

Den Gütern jhren schein zu geben.

Es haben deine milde Hand

Die deinen damals schon erkant,

Als Deiner Jugend Fleiß mit Segen

Dich mercklich anhub zu belegen.

Dein Alter wuchs, doch auch die Gunst

Zu guter Wissenschafft vnd Kunst,

Die süsse Musica für allen

Pflag dir im Hertzen zu gefallen.

Stobeus hat dich offt ergetzt

Mit dem was seine Kunst gesetzt,

Da hat man dich gesehn mit singen

So manchen lieben Tag verbringen.

Der, dem die Music nicht gefällt,

Lebt warlich vnwehrt auff der Welt,

Natura scheint jhn nicht zu kennen,

Vnd muß jhn nur jhr Stieffkind nennen,

Er ist vnd bleibt ein Midas-Ohr,

Was nützt er in der Engel Chor,

Da erst die Music an-wird-gehen,

Durch die wir werden Gott erhöhen?

Hast du nur diesen Rhum allein,

Sonst aber nichts gestifftet? Nein.

Du gibst auch der gelehrten Jugend

Noch fug zu Wissenschafft vnd Tugend.

Mit guttem Raht und wolbedacht

Hast du ein Ansehnliches vermacht,

Dadurch der Gottesdienst auff Erden

Vnd auch das Recht gepflantzt kan werden.

Dieß macht die Gütter erst recht gut,

Nicht Stoltz nicht Pracht nicht Vbermuth,

Nicht das sie liegen in dem Kasten,

Trotz einem, der sie an-sol-tasten.

Was hätte Gott an mir erkant

Hätt' er mir Reichthumb zugewandt?

Lässt er mich mir allein gedeyen,

Weis ich nicht reichlich aus zu strewen?

Es schreyet hie der arme Mann,

Da Schul vnd Gottes Hauß dich an,

Laß hieher deine Ströme fliessen,

Wilst du jhr anders recht geniessen.

Nur dieser Mammon macht, daß wir,

Reisst vns der Todt gantz nackt von hier,

Wir lassen alles doch dahinden,

Die wahre Gnüg im Himmel finden.

Wol dir, du edle Seele, wol,

Jetzt bist du alles Reichthums voll

Dort wo dich in den ewign Hütten

Lust, Lieb vnd Leben überschütten.

Dein Same wird nach langer Zeit

Noch deines Segens seyn erfrewt,

Denn was du jhm hast hinter lassen

Wird Gott vermehren aller massen.

Schaw, wie er so beängstigt steht,

Betrübt vmb deinen Sargk her geht

Vnd mit was schmertzlichen Geberden

Er dein Gebein vertrawt der Erden.

Wol dir! du stirbest Lebens satt,

So bald Gott abgefordert hat

Den Bruder, eilst auch du von hinnen

Beständig, froh, mit Wunsch vnd Sinnen.

Beschickst dein Hauß, verhütest Streit,

Mahnst alles an zur Einigkeit,

Stirbst (selig hierin auch nicht minder)

Sanfft in den Armen deiner Kinder.

Leb ewig wol, als wie du thust!

Wir haben hie nicht Rhu noch Lust,

Sind stets von Furcht vnd Noht durchnommen,

Biß daß wir selig zu dir kommen.