Im Advent

By Paul Heyse

Written 1872-01-01 - 1872-01-01

Die längsten Nächte. Drüben hinterm Vorgebirg

Von San Vigilio schläft noch in den Tag hinein

Frau Sonn' und kann sich nicht entschließen aufzustehn.

Zeit wär' es längst. Doch sie, wie eine Königin,

Die weich sich dehnt im seidnen Bett und gähnend denkt,

Es eile nicht, von ihrem goldnen Thron herab

Ihr Weltreich zu regieren, schläfrig blinzelt sie

Nur schwach hervor aus grauer Wimper, zieht sodann

Das Nebeldeckbett hoch sich übers Angesicht

Und schlummert weiter.

Auch hernach, wenn endlich sie

Beginnt ihr Tagwerk, nur im Schlafrock schleicht sie dann

Mit ungestrählten Haaren, sehr unaufgeräumt

Des Wegs dahin, im Wolkenmantel dicht vermummt,

Als friere sie. Denn ach, nur eine Fabel ist

Das ewig blaue Firmament Italias!

Auf ihrer Stirn auch spukt gar oft zur Winterszeit

Ein Schatten grauer Schwermuth. Ihre Kinder dann

In kellerkalten Häusern, wo kein Ofen brennt,

Ums Reisigfeu'r am Herd trübsinnig kauern sie,

Vor Frost erschauernd. Stumm im kleinen Käfig sitzt

Die Drossel. Auch am Rocken jetzt und Webestuhl

Erklingt kein Ritornell und kein Rispetto mehr,

Und vorwurfsvoll ertönt nur noch des Mäuschens Pfiff,

Da ein Polentabröckchen kaum ihm übrig bleibt. –

Doch nur Geduld! Nach kurzen Wochen, hingedehnt

Im Nebelhalbtraum, denkt Frau Sonne wiederum

Vor Scham erglühend ihrer alten Schuldigkeit

Und holt, was lang versäumt ward, um so eifriger

Nun wieder ein. Den Reif vom Laube schüttelt sie

Den Lorbeern und Oliven, lockt mit warmem Hauch

Krokus und blaue Veilchen schon im Februar

Hervor auf allen Wiesen. An den Reben sacht

Beginnt's zu knospen. Ja sogar ein Vögelchen,

Wenn glücklich es dem Blei des Jägers winterlang

Entgangen, denkt bereits an neues Nesterbau'n

Und zirpt und wirbt um eine Braut.

Und ähnlich so

Ergeht's dem Dichter. Sacht in seinem Busen schon

Rührt sich Gesang, wenn früh am Tag er wohlgemut

Auf luft'ger Höhe wandelt, nur im leichten Rock

Und, was das Beste – denn verhaßt vor allem sind

Ihm diese nordischen Gräuel –, ohne Gummischuh'!