Im Dämmerschein

By Clara Müller-Jahnke

Written 1882-01-01 - 1882-01-01

Verronnen ist der schwüle Tag,

verrauscht ist Sturm und Wetterschlag,

und durch die regenfeuchte Luft

weht träumerischer Lindenduft; –

es spinnt die Welt ein Zauber ein:

Ich harre dein!

Ich harre dein seit langer Zeit;

gewintert hat es und gemait, –

für jede Rose, die erblich,

entfaltet eine andre sich;

aus jeder Nacht bricht Frührotsschein:

ich harre dein!

Ich harre dein am alten Platz, –

und weißt du's noch, herzlieber Schatz,

weißt noch, wie du vor Jahresfrist

allabendlich gekommen bist?

Allabendlich im Dämmerschein

ich harrte dein!

Nun dünkt's mich fast ein süßer Traum;

vorm Haus der alte Lindenbaum,

die alte Sehnsucht in der Brust

nach Märchenzauber, Liebeslust –

und rings die Welt im Dämmerschein

und ich allein! –

Und unten tief im Böhmerland

ein Städtchen liegt an Bergesrand;

der letzte feuchte Abendstrahl

küßt Meeresstrand und Felsental –

es spinnt auch dich der Zauber ein:

Gedenkst du mein?