Im Fieber

By Christian Morgenstern

Written 1892-01-01 - 1892-01-01

Ich lag in Fieberphantasien ...

Aus allen Ecken wuchs es her ...

Wohin ich sah, ich sah nur Ihn,

wohin ich tastete, war Er ...

Die Tücher, die Tapeten liehn

ihm ihrer Muster Fratzenmeer ...

Und schloß ich fest die Lider, schien

sein Aug' in meines weit und leer.

Ein Opfer wilder Bilderreihn

entschlief ich endlich. Mich umspann,

mich spornte rittlings sein Gebein

durch Felsenwüsten glutwindan ...

Verzehrend fraß sein Frost sich ein,

indes mich Blutschweiß überrann,

und auf Geröll und spitzem Stein

der wunde Fuß nicht Weg gewann.

Doch nicht ein Fristchen durft' ich ruhn.

„Wir müssen“ – stachelte sein Hohn –

„Zum Richter über all dein Tun,

der Weg ist weit nach seinem Thron.

Gebucht, in klaftertiefen Truhn,

erharrt dich dort, wofür dich Lohn

und Strafe wird ereilen nun:

Bereite dich, verlorner Sohn!“

Da ging die Stubentür, und leis

umklang mein Bett ein sanfter Schritt,

und eines Stirnbands kühlend Eis

erlöste mich vom grausen Ritt.

Doch ehe noch ein Wort dem Kreis

der Wirrgedanken sich entstritt,

verschob schon wieder sich das Gleis

und neuer Traumgang riß mich mit.

Wie anders aber war das Bild,

das nun mein Fiebergeist entband!

Mein liebster Freund umfing mich mild

und hob mich von des Lagers Rand.

Aus Zweigen harrte mein ein Schild:

Drauf trug mich vierer Fremden Hand

wie ein erbeutet Edelwild

hinaus ins sommerliche Land.

Wer waren sie? wo lief ihr Pfad?

Sie stürmten voll erhabner Wucht ...

bis, wo ein Lärm vollbrachter Mahd

herklang aus stiller Waldesbucht.

Noch rollte hoch das Sonnenrad,

doch schon geschnitten lag die Frucht;

denn Wolken drohten Blitz und Bad:

Und alles war schon helle Flucht.

Dort setzten sie aufs hohe Korn

die Bahre ab. Noch stand sie nicht:

Da schoß schon goldner Wetterzorn:

Ein Glutstoß stob die Ährenschicht.

Mein Herz stand still vom scharfen Dorn.

Es sank der Erde höchst Gedicht,

der Mensch, zurück in ihren Born,

als Asche, Wasser, Luft und Licht.