Im weißen Pferd

By Wilhelm Busch

Written 1870-01-01 - 1870-01-01

Wer Bildung und Moral besitzt,

Der wird bemerken, daß anitzt

Fast nirgends mehr zu finden sei

Die sogenannte Lieb und Treu. –

Man sieht zuerst mit Angstgefühlen

Herunterfallen von den Stühlen

Die angestammten Landesväter –

Sodann, als kühler Hochverräter,

Zieht man die Tabaksdos hervor,

Blickt sanft und seelenvoll empor,

Streckt sich auf weichem Kanapee,

Schlürft mit Behagen den Kaffee –

Und ist man so aufs neu erfrischt,

Dann denkt man: „Na, die hat's erwischt!“

So denkt der böse Mensch. – Jedoch

Es gibt auch gute Menschen noch. –

Zu Milbenau im weißen Pferd

Bei Mutter Köhm, die jeder ehrt,

Da sitzen, eng vereint und bieder,

Auch diesen Sonntagabend wieder

Nach altem Brauch im Freundschaftskreise

Die Männer und die Mümmelgreise. –

„Et blivt nich so! Et blivt nich so!!“

So murmelt jeder hoffnungsfroh. –

„Et schall nich bliben ans et is!

Et schall weer weeren anse süß!!“

„Un dat seg eck! Un dat seg eck!“

So spricht entschieden Schneider Böck. –

Hierauf spricht lächelnd Krischan Stinkel

Und zwinkert mit dem Augenwinkel:

„Eck segge man, vor min Pläsier,

Gottlof! Wat is de Botter dür!!“

Dagegen ruft der lange Korte

Mit Zorneseifer diese Worte:

„Kreuzhimmeldausenddonnerwär,

Uns' olle König mot weer her!!“

Jetzt sieht sich Bürgermeister Mumm

Bedenklich nach der Seite um.

„Pißt!!“ – ruft er – „Ruhig, liebe Leut!

Seid untertan der Obrigkeit!!“

„Ja, aber man bis insoweit!

Seggt unse olle Herr Pastor.“

„Dat hat he seggt!!!“ – so tönt's im Chor. –

Hierauf, so wird es etwas stille,

Und grad kommt Herr Aptheker Pille.

„Ihr Leute, daß ich's bloß man sage!

Denn morgen ist der Tag der Tage,

Da er geboren, der – – ihr wißt! – –“

„Ja ja, so is't! Ja ja, so is't!!“

„Nun ist Euch allen wohlbekannt

Der Busenfreund, den ich erfand,

Der segensreiche Labetrank,

Der, sei man munter oder krank,

Erwärmend dringt bei hoch und nieder

Durch Kopf, Herz, Magen und die Glieder – –

Wie wär es, hochverehrte Freunde,

Wenn man im Namen der Gemeinde

Ein Dutzend Flaschen oder so – –“

„Ja ja, man to! Ja ja, man to!!“

So tönt es laut im treuen Kreise

Der Männer und der Mümmelgreise.

Und jeder ruft: „He, Mutter Köhmen!

Up düt will wi noch Einen nöhmen!!“

Gesagt, getan. – Für Mutter Köhm

Ist dies natürlich angenehm.