In ausgefahrnen Gleisen

By Clara Müller-Jahnke

Written 1882-01-01 - 1882-01-01

Tausend helle Tropfen sprühen

glitzernd auf im Flutenschaum;

tausend taube Blüten fallen

nieder von der Menschheit Baum;

tausend blasse Sterne kreisen

ungesehn im Weltenraum –

ach, in ausgefahrnen Gleisen

meine Spur bemerkt ihr kaum.

Ach, in ausgefahrnen Gleisen

meine Spur bemerkt ihr kaum –

und doch träumte meine Seele

einen stolzen Sonnentraum;

und doch zog ich trunknen Mutes

einst ins Land der Wunder aus,

und die blaue Märchenblume

bracht ich jubelnd mit nach Haus.

Tausend taube Blütenflocken

fallen von der Menschheit Baum,

und nur selten reift die Goldfrucht

unter seiner Blätter Saum – –

Ueber meinem Lebenswege

liegt ein Nebel dumpf und dicht,

und das Ziel in weiten Fernen,

meinem Blick erscheint es nicht.

Doch die blaue Wunderblume,

die ich jubelnd einst gepflückt,

wankend unter Kettenlasten

halt ich sie ans Herz gedrückt –

und aus ihrem Kelche singen

Stimmen süß und sehnsuchtsvoll

mir ein Lied von jenen Bergen,

die ich nie erreichen soll. –