[In tausend Formen magst du dich verstecken]

By Johann Wolfgang Goethe

Written 1790-01-01 - 1790-01-01

In tausend Formen magst du dich verstecken,

Doch, Allerliebste, gleich erkenn ich dich;

Du magst mit Zauberschleiern dich bedecken,

Allgegenwärt'ge, gleich erkenn ich dich.

An der Zypresse reinstem, jungem Streben,

Allschöngewachsne, gleich erkenn ich dich;

In des Kanales reinem Wellenleben,

Allschmeichelhafte, wohl erkenn ich dich.

Wenn steigend sich der Wasserstrahl entfaltet,

Allspielende, wie froh erkenn ich dich;

Wenn Wolke sich gestaltend umgestaltet,

Allmannigfalt'ge, dort erkenn ich dich.

An des geblümten Schleiers Wiesenteppich,

Allbuntbesternte, schön erkenn ich dich;

Und greift umher ein tausendarm'ger Eppich,

O Allumklammernde, da kenn ich dich.

Wenn am Gebirg der Morgen sich entzündet,

Gleich, Allerheiternde, begrüß ich dich;

Dann über mir der Himmel rein sich ründet,

Allherzerweiternde, dann atm' ich dich.

Was ich mit äußerm Sinn, mit innerm kenne,

Du Allbelehrende, kenn ich durch dich;

Und wenn ich Allahs Namenhundert nenne,

Mit jedem klingt ein Name nach für dich.