Jahrwende

By Clara Müller-Jahnke

Written 1882-01-01 - 1882-01-01

Am altersgrauen Baum der Zeit

ist eine Blume abgeblüht,

und eine Knospe tut sich auf.

Die Menschheit seufzt in gleicher Fron;

von ihrer müden Stirne fällt

der Schweiß in Tropfen erdenwärts.

Ihr Glaube aber träumt im Licht:

vor ihren Sehnsuchtsblicken schwimmt

das Morgenrot des neuen Tags.

Wie auch die Kette klirrt und drückt,

der Zukunft Sturm zerbricht sie doch, –

und jedes Jahr löst einen Ring.

Und jede Knospe, die erblüht

am altersgrauen Baum der Zeit,

birgt einen Keim der künftigen Frucht.

So grüß ich dich, du neues Jahr;

du junge Knospe tu dich auf,

und blüh' in lichtem Rosenrot!

Des Friedens milder Maienwind

umspiele deinen vollen Schoß,

der Liebe Geist befruchte dich!

Und deine Düfte gieße aus, –

mit Blütenblättern kränze du

der Menschheit tiefgefurchte Stirn.

In des Jahrhunderts Niedergang

sei du ein lichter Zukunftstraum,

sei du ein Gruß der neuen Zeit!