Jrdisches Vergnügen in GOTT. Zweyter Theil.

By Barthold Heinrich Brockes

Wofern du, lieber Mensch,

ein Atheist,

Wie oder bloß ein Thier

mit andern Thieren bist;

So steht dir frey, daß du die Welt

Und was uns in die Sinne fällt,

Verächtlich hält’st, und nicht be-

trachtest;

So steht dir frey, daß du die Zeit,

Darin man die Beschaffenheit

Der Creatur und ihre Herrlich-

keit

Bewundert, für verloren achtest.

Allein

Wofern du dir nicht selbst die

Sele raubest,

Wofern du eine Gottheit glau-

best,

Die alles, Stern- und Sonnen-

Schein,

Die Himmel, Erd’ und Meer ge-

macht,

Die dich und alle Ding’ hervor

gebracht;

So kannst du ja nicht anders

denken,

Als daß der Schöpfer weiß, daß

dich Sein Werk nicht rührt,

Daß du’s nicht würdigest, Jhm

einen Blick zu schenken,

Daß folglich GOTT, so viel an

dir, verliert

Macht, Weis heit, Lieb’ und Ehr’.

Armsel'ge Creatur,

Wie elend ist dein Stand? da du

noch nicht empfunden,

Daß GOTT hier auf der Welt

mit deiner Lust nicht nur

Sein Lob so wunderbar, so Gna-

den- reich verbunden,

Nein, daß so gar dein’ Anmut

auf der Welt,

Die sich auf GOttes Ehre grün-

det,

Aus Gnaden Jhm so wol gefällt,

Daß sie auch dort gewiß unend-

lich' Anmut findet.

Und dieß versäumest du, und

willt mit Fleiß nicht sehn,

Was durch des Höchsten Lieb’

und weise Macht geschehn.

Bedenke, was du thust! so weiß

ich, du verspürest,

Daß du nicht hier allein, auch

dort, dein Heyl verlierest.

Die Strafe fängt bereits in die-

sem Leben an.

Denn überkommst du gleich das

gröste Glück auf Erden;

So kannst du doch unmöglich

glücklich werden.

Sprich selbst: ob etwas dich wol

recht vergnügen kann

Von allem, was du such’st, von

allem, was du treibest!

Sprich, ob dasjenige, worauf

dein Sinn gericht't,

Erlang’ es oder nicht,

Dich rühr’, und ob du nicht stets

unglückselig bleibest!

Die Unempfindlichkeit und die

Gewohnheit sind

Harpyen, welche dich für alles

gute blind,

So bald du es besitzest, machen.

Es frisst ihr nissier satter Rachen

Den Kern von deiner Lust. Du

aber must die Schalen,

Die doch so ungeschmackt, mit

Arbeit, Sorge, Müh,

Mit Schrecken, Furcht und Angst

nur gar zu theur bezahlen.

Dieß ist der Lohn für dein Betra-

gen hie;

Von künft’ger Reu, von künft’-

gen Straf- und Plagen

Nicht einst zu sagen.

Mein GOtt, behüt’ uns doch

vor so verstocktem Wesen,

Und einer Brust, die so versteint,

so hart!

Ach laß uns Deine Gegenwart

Jm schönen Buch der Welt

mit Freude lesen!

Die Schrift, die jeder Mensch

mit Ehrfurcht lesen soll,

Die auch die Engel selbst mit

Furcht und Lust bemerken,

Die lautet so: Es sind von GOt-

tes Werken

Und Seiner Majestät der Him-

mel Himmel voll,

Luft, Erd’ und Meer erfüllt. Nun

diese Füll' allein

Recht zu beherzigen, soll itzt mein

Endzweck seyn.