Jubelgesang.

By Gotthard Ludwig Kosegarten

Oselig, wer der mütterlichen Erde,

Die ihn gebar und freundlich hegt und pflegt,

Die süsse Schuld bezahlt, und Arbeit und Beschwerde

In ihrem Dienste rastlos trägt;

Wer seinen Brüdern Recht, das Recht ist, spendet,

Die Unschuld schirmt, das kecke Laster schreckt,

Des Jünglings Herz gewinnt, der Thorheit ihn ent-

wendet,

Und für die Tugend früh ihn weckt;

Wer aller Narrheit frühversöhnter Hasser,

Sich ihrem Andrang stark entgegenstemmt,

Der Sittenfäulniss wehrt, der Frechheit wilde Wasser

In engre Ufer sorgsam dämmt;

Wer so durch manche mühevolle Jahre

Des Wohlthuns Lust in vollen Zügen trinkt,

Und endlich thatensatt und in schneeweissem Haare

Zufrieden in die Grube sinkt —

So wandelt' einst auf ruhmumstrahlten Pfaden

Aristides die hohe Bahn hinab;

So sank er allbeweint, an deinen Ulmgestaden,

Ilyssus, in sein duftend Grab.

So stand, umschwemmt von der Verderbniss

Fluthen,

Gleich fern von Sklaverey und Tyranney,

Roms

Guten

Und hoher Vätertugend treu.

So standst du, Trefflicher, seit funfzig Jahren,

Durch Weisheit gross, und gross durch Thatenkraft;

So stehst du noch, umkränzt mit silberweissen

Haaren,

Hochfreudig noch und unerschlafft.

Es huldigt dir die Unschuld, die du schütztest;

Es feyert dich das nie gebogne Recht.

Es ehrt die Bosheit dich, die du zu Boden blitztest,

Und nennt dich knirschend recht und schlecht.

Du standst allein in der Verderbniss Mitte,

Und ihre Strudel rissen dich nicht hin.

Fest hieltest du und steif an angestammter Sitte

Und an der Väter gradem Sinn.

Es prallten ab von deiner rauhen Tugend

Die Pfeile geckischer Verfeinerung.

Des Auslands Flittergold, der Firniss deutscher

Jugend

Bedünkte dich Verweichlichung.

Der bunten Thorheit gaukelndes Gepränge

Zerstob beschämt vor deinem finstern Blick.

Das Laster zitterte vor deines Spruches Strenge,

Und floh in sein Verliess zurück.

Im Felsengrund auf ehrnen Säulen baute

In deiner Brust sich einen goldnen Thron

Der Menschheit Trösterin, der Edleren Ver-

traute,

Die ewige Religion —

So standest du, dieweil ein halb Jahrhun-

dert

Sanftgleitend über deine Scheitel floss;

Gefürchtet und geliebt, getadelt und bewundert,

Dir selbstgenügend, rauh und gross.

O, steh noch lang' in deiner Enkel Mitte,

Ein Obeliskus der Vergangenheit,

Ein redender Ruin erloschner Ahnensitte,

Gesunkner Väterherrlichkeit.

Es messe sich des Vaterlandes Jugend

Mit deinem Starkmuth, deinem Felsensinn,

Und geb' Empfindsamkeit für feste Männertugend,

Und Wortgeräusch für Weisheit hin!

Und wenn wir einst dein Mausoläum bauen —

O wär' es spät! — so fahre aus dem Stein,

Der deine Trümmer deckt, ein ehrfurchtheischend

Grauen

Durch unser schütterndes Gebein!