Kirchhoffs-entzückung.

By Christian Hoffmann von Hoffmannswaldau

Wo find' ich mich itzund? auff was für stillem sande

Steht mein erstarrter fuß? bestürtzte einsamkeit!

Wer herrscht und wohnet hier im hügel-vollen lande

Wo taxen und napel gantz häuffig hingestreut?

Ist dieses nicht das feld wo tausend schedel liegen

Und unter meinem fuß die blancke todten-bein

Mit schlangen-blauem rost in der verwesung kriegen

Wo leichen-volle grüft’ um mich gehügelt seyn?

Ich schaue nichtes mehr als creutzer pfäl’ und steine;

Ein faules schweigen stutzt den halb entraften sinn

Und häuffet sich noch mehr durch die bemosten zäune:

Ein kirchhof ist es ja worauf ich itzund bin.

Glück zu du todten thal und ihr besteckten hügel

Umb welche wie ich schau nur tod und sterben siegt!

Glück zu ihr creutzer pfäl’ ihr stein’ und todten-siegel

Auch die ihr halb und gantz im sarg vermodert liegt!

O süsses schlaf-gemach! hier steh’ ich umb zu lernen

Was wahre weißheit heiß’t und endlich unser zweg:

An diesem anblick muß sich aller witz entfernen;

Denn du bist eintzig nur der größ’sten weißheit weg.

Wen aber find’ ich hier der mein begehren stillet

Und was ich lernen will mich deutlich unterrichtt?

Soll wol die einsamkeit die diesen ort umbhüllet

Dem werck gewachsen seyn? O nein bey weitem nicht!

Wie wird mir? schauert nicht die haut und alle glieder?

Umschleust nicht kaltes eiß das hertz in meiner brust?

Reißt’ nicht ein wacklen mich in diesem sande nieder

Und raffet meinen geist in einen duncklen wust?

Erblick ich nicht wie mond und sterne gantz erblassen

Und wie nur finsternüs mich um und um bedeckt?

Ich fühl’ und weiß nicht wie durch was mich umgefassen

Und nicht durch schlechte furcht biß auf das blut erschreckt.

Wie? augen schaut ihr nicht die creutzer sich bewegen

Und die entweltzten stein’ in voller höhe stehn

Und alle todten sich in ihren särgern regen

Und eine dürre leich aus iederm hügel gehn?

Hilf GOtt! was sind dies doch für scheußliche gesichte

Und heßliche geripp mit schimmel angefeucht?

Wenn ich mein angesicht nach threm scheitel richte

So schau ich eine schlang die aus demselben kreucht;

Und ihr entaugtes aug’ und zungen-loser rachen

Auch abgefleischte nas’ die zeigen eine kluft

In welcher tausend würm und grüne nattern wachen

Draus iedes hier auf mich ein heis’res zischen rufft.

Sind dieses was ich schau wol menschen ie gewesen

Und was ich itzund noch mit gelst und leben bin?

Aus dieser heßlichkeit ist solches kaum zu lesen;

Ach! ach! wo fället nicht des menschen leben hin?

Wie kan ich doch allhier an diesen knochen kennen

Wer cron wer zepter trug wer einen betrel-stab?

Wen soll ich schön wen jung wen alt wen heßlich nennen?

Ein gleicher stempel pregt mir hier ein bildnüs ab.

Wen hat hierunter doch geschicklichkeit gezieret?

Wen tausendfache kunst? wen ein gelehrter geist?

Wer hat in kühner schlacht den degen wol geführet?

Wer ist der Julius der Alexander heißt?

Wer ist Justinian der uns gesetz geschrieben?

Wer ist Galen der hier der kräuter krafft erdacht?

Wer ist Demosthenes den alle redner lieben?

Und wer Virgilius der tichter ruhm und pracht?

Ich kenne keinen nicht hier seh’ ich alle schweigen

Wo nicht die schlange noch durch ihre kehle zischt;

Hier seh ich keinen nicht den fuß noch scheitel neigen

Wo nicht ein truckner wind noch durchs gerippe gischt.

Hier schau ich was wir seyn und was wir endlich werden;

O anblick drob ich mich nicht gnug entsetzen kan!

Kommt alle die ihr lebt auf diesem rund der erden

Und schant euch recht und wohl in diesem spiegel an.

Hier könnt ihr rechte kunst und wahre weißheit lesen;

Hier seht ihr euer bild fällt euer leben ein.

Wie diese häupter stehn und diese glieder wesen

Wird endlich euer leib auch so vermodert seyn.

Hier lieget schönheit gantz verdorret und verblühet

Auf welche mancher geist so grosse wunder setzt.

Seht wie nur ungestalt aus iedem gliede stehet

Und ieder knochen hie von schlangen ist zerfretzt.

Schaut doch dies kleine reich in das wir uns verstecken

Sind auch drey ellen wol desselben breit und läng’?

O schlecht gebautes hauß! und doch must du uns decken;

Die kleine todten-hütt ist keinem nicht zu eng.

Laß nur gerechter GOtt mein end mich glücklich finden

Und bald zu diesem heer der leichen seyn gebracht!

Doch seh’ ich das gesicht nicht wiederum verschwinden?

Ja ja ich weiß genug: nun todten gute nacht!