Klag-Elegi An Hn. M. v. H. bey Beerdigung seines ei- nigen Sohns im Junio 1666.
Wer jener Herrligkeit höchst-seligstes Vergnügen
Das unumbschribne Licht und unumgräntzte Reich
Des Lammes Rosen-Blut der Außerwehlten Sigen
Verklärter Leiber Glantz der Sonn und Sternen
Mit Augen der Vernunfft was ernstlicher betrachtet
Und denn die Flüchtigkeit des Menschen recht bedenckt
Wie hier sein sicher Leib in strengen Martern schmachtet
Wie kaum ein Blick der Zeit verfleust der ihn nicht kränckt
Der merckt den Unterscheid den Schatten und die Sonne
Das Licht und Finsternüß den hell und trüben Tag
Des Lebens bittern Kelch des Sterbens neue Wonne
Das Thor dadurch man ein zur Freyheit gehen mag.
Wie schwartz der Todt auch scheint wie finster Grufft und Höle
So sind sie doch der Weg in das bestimmte Reich.
Es zancke Fleisch und Blut mit seinem Gast der Seele
Was dorte schimmern sol das muß hier werden bleich.
Wir können nicht die Frucht noch für den Blüten haben
Und wenn die Schlacken weg so ist das Gold erst rein
Wie sehr die Läuffer sonst in ihrem Kreissen draben
So wird ders Ziel erreicht nur Uberwinder seyn.
Ach sichre Sterblichen wie können wir genesen?
Wenn auch die Himmel selbst in drüm̃ern sollen gehn.
Des Lebens kurtzer Brauch ist so ein eitel Wesen
Daß wir mit einem Fuß stets in dem Grabe stehn.
Ein Schiffer der die See hat hin und her durchkreutzet
Wünscht und erlanget auch den Hafen sichrer Ruh.
Der Mensch der so erhitzt nach langem Leben geitzet
Weiß nicht aus Aberwitz wie er so thöricht thu;
Welch Kauffman tauschet Glas und giebet Amethisten?
Wer wechselt den Demant umb Folgen und Cristall?
Noch läst ein Sterblicher zum offtern sich gelüsten
Daß vor des Himmels Schloß er wehlt der Erden Ball.
Da keine Gleich nüß doch ist irgend wo zu finden
Hier ist der Dörner Thal und dort das Rosen-Land:
Wer liest ihm Ketten aus vor Kron und Ehren-Binden?
Der guten Acker hat der sä’t nicht in den Sand.
Hoch-Edler wolte GOtt daß diese Zeilen kräfftig
Zubrechen Angst und Weh das seine Seele nagt!
Die Feder wär’ anitzt mittleidende geschäfftig
Und hätte sich was mehr zu fertigen gewagt.
Allein ein solcher Schmertz der nach dem Hertzen greiffet
Ein Leid das grösser nicht auff Erden kommen kan
Ein Blitz der umb das Haus mit Feuer-Stralen schweiffet
Ein unerhörtes Ach nimmt schlechten Trost nicht an.