Klage der Brüder am Rick um ihre scheidenden Freunde Barkow und Schimmelmann

By Gotthard Ludwig Kosegarten

Written 1788-01-01 - 1788-01-01

Da kommt er her in allen seinen Wehen,

Der bange finst're Klagetag.

Schon lange sah'n wir ihn – ein fernes Wetter – stehen,

Und ahnten Blitz und Schlag.

Und strömten Seufzer, daß sein Falkenflügel

Gehemmt, und seiner Faust das Schwert

Entrungen würd'! – Umsonst! Schon schwärzet Wald und Hügel

Die Wolke, d'rinn er fährt.

Sein Morgenroth ist trüb' und bleich gestaltet,

Und seines Odems Frost verdirbt –

Des Frühlings Erstgeburt, das Veilchen, halb entfaltet,

Fühlt seinen Hauch und stirbt.

Und gräbertrüb' – zween Sterne, von Gewittern

Und Nebeln rund umdunkelt – stehn

Die Jünglinge, die uns sein Kommen raubt, und zittern

Vor seiner Flügel Wehn – –

Was stehet ihr, ihr Jünglinge, und zittert,

Daß ihr uns lassen sollt? – Verlaßt

Uns nicht. Der Morgen weht so kalt. Die Eiche splittert,

Von wildem Sturm gefaßt.

Verlaßt uns nicht. Gedenkt der Maientage,

Die ihr mit uns so froh genoßt.

Sie fliehn. Ihr laut Gejauchz verwandelt sich in Klage,

Und Jugendgluth in Frost.

Gedenkt der Freuden, die im Jubelkreise

Ihr öfters uns entgegen sangt,

Wo ihr, entbrannten Aug's, nach echter deutscher Weise,

Das volle Kelchglas schwangt.

Gedenk', o goldgelockter Freund, der Wonne

In deines Mädchens Minneblick –

Wie Maienfrühroth sanft, wie Glanz der Sommersonne.

Gebietend strahlt ihr Blick.

Gedenk', o du, deß Geist mit Flammenblicke

Der Wahrheit Heiligthum durchflog,

Der Schätze, die du grubst, der Blumen, die am Ricke

Dein Fleiß herauf erzog.

Noch braus't, wie Bergstrom, der das Feld beschwemmet,

So wild, so frei eu'r Herz dahin.

Da, wo ihr hingeht, schnaubt die Sklaverey, und hemmet

Des Jünglings stolzen Sinn.

Verlaßt uns nicht! – Noch steht ihr bleich und trübe?

Und klagt des Schicksals Steifsinn an,

Klagt, daß sein Felsenwort euch von den Freunden triebe? –

So gehet, gehet dann!

Der sey nicht edel, sey nicht werth des Namens,

Den eure Freundschaft ihm geschenkt,

Der nicht mit Seelendrang und Wärme eures Namens,

Ihr fernen Edlen, denkt!

Der werde, wie er euch vergaß, vergessen,

Der nicht mit klärerem Gesicht

Im Freudenzirkel, wo auch ehmals ihr gesessen,

Von euch mit Freuden spricht!

Heut' aber klagen wir gerührt und bange

Um euren Hinschied, schämen nicht

Der Thränen uns. Denn – selbst des Helden braune Wange

Entehrt die Thräne nicht!

Ihr wandelt hin, und jedem eurer Tritte

Strömt heiß ein Heer von Seufzern nach,

Und wird zum Genius, und leitet eure Schritte

Durch jeden Erdentag.

Wir aber wandeln mit gesenktem Blicke

An unsern Strand zurück, und Der

Rauscht uns entgegen, klagt: „Der Herrlichen am Ricke,

Sind Zweene weniger!!“