Klage Telynhards um seine Entfernten Bergen

By Gotthard Ludwig Kosegarten

Written 1788-01-01 - 1788-01-01

Wo seyd ihr, all' ihr Lieben?

Mit Sturm und heißem Drang,

Mit Seufzen und bangem Sehnen,

Ruft euch mein Wehgesang.

Wo seyd ihr hin, ihr Edlen?

Was täuscht ihr mich so sehr?

Ihr habt mich sonst geliebet,

Und liebt mich jetzt nicht mehr?

Ich steh' auf hohem Felsen,

Und rolle mein Aug' umher,

Und krauses Regengewölke,

Umdunkelt Luft und Meer.

Ich stürme durch Gebirg' und Thale,

Durch Morast und Dorngesträuch,

Durch Distel und Donnernessel,

Und dürst' und schrei' nach euch,

Der Eichwald steht entblättert,

Und todt und starr die Au',

Der feuchte Herbstwind sauset

Ueber Stoppeln kalt und rauh –

Was trau'rst du so, o Aue,

Was heulst du so, o Hain?

Seyd ihr auch von den Lieben verlassen?

Seyd ihr auch, wie ich, allein?

Ich bin allein, in fremdem

Einöden Land allein.

Noch sah ich hier noch Sonnen-,

Noch Mond-, noch Sternenschein.

Die Luft ist irrer Nebel,

Und nackter Fels die Au',

Und klapperndes Gerippe

Der Frost, und Reif der Thau.

Mein Aug ist ausgeweinet,

Mein Angesicht verbleicht.

Da kommt kein freundlicher Wandrer,

Der mir die Hände reicht.

Meine Klage überhallt die Felder,

Die Berge, den Forst, und laut

Gibt mir das Echo Antwort,

Doch keines Menschen Laut.

Ich bin allein. Es schweben

Phantome sichtbarlich,

Und tanzen im Wolkenwirbel,

Und schrei'n im Sturm um mich.

Der Sturm brüllt lauter. Das Weltmeer

Wälzt berghoch seine Fluth,

Und Felsenvesten erheben

Vor des stolzen Orkans Wuth.

Brülle nur, o Sturm, und schreie

Wie tausend Donner laut.

Mir hallt dein düstres Schreien,

Wie Morgengruß der Braut.

Stürme nur, und peitsch' die Berge,

Hochstolzer Ocean,

Ich hör' dein Wogengetümmel

Wie Flötenwirbel an.

Was soll mir Frühlingsmilde

Und laues Westgeweh?

Es wiegt des Verlaßnen Seele

Nur in noch heiß'res Weh!

Was soll mir Haingesäusel,

Und Nachtigallgetön?

Meine Seele wird drob in Sehnsucht

Und düsterm Gram vergehn! –

Lebt wohl, lebt wohl, ihr Lieben!

Mein kummermüdes Herz,

Mein ausgeweintes Auge

Zuckt schon vom letzten Schmerz –

Lebt wohl. Im Runde der Steine,

Hier sey mein Grab. Hier wird

Mein Geist eure Wang' umschauern,

Wenn ihr das Grab umirrt.