Klage um Dellwar, den Wellenverschlungenen.
Luftgebilde, das nebelumgürtet mit triefenden
Locken
Und mit rettungflehenden Händen vorüber mir
wandelt,
Rede, wer bist du? — Bist du es, mein wellen-
verschlungener Dellwar?
Dellwar, Dellwar, du bist es! Mein trauter
Dellwar, wie anders!
O, wie anders, Geliebter, als in den Tagen, die waren!
Stattlich war an der Warne dein Wandeln,
erhaben dein Herschritt
Unter den Edeln! Nun schwebst du ein Schatten
mit nichtigen Schatten!
Liebend flogen dir sonst die Jünglinge, liebend
die Mädchen
Dir entgegen. Nun schaudert zurück, wer dem
Blassen begegnet.
Blasser, du warest mir lieb in deiner rosigen
Jugend,
Bist mir lieb in deinem Erblassen, mir lieb auf ewig!
Bruder, du warest mir werth vor jedem deiner
Gespielen!
Werth auch dir, mein Bruder, war ich vor deinen
Gesellen!
Unsre Seelen ahneten, naheten, flogen einander
Feurig entgegen. Nun wallst du ein Schatten mit
kalten Schatten.
Bruder, ich denke der seligen Tage, der seligen
Nächte,
Wo wir wallten im thauenden Grase des schönen
Eylands,
Wo wir grüssten in Dämmerschatten die rauschende
Eiche,
Wo wir, sitzend am flisternden See im schaurigen
Mondschein,
Mit den Thaten der Väter, und mit den Gesängen
der Vorwelt
Unsre Seelen erhöhten. — Wie glänzte dein Antlitz
im Mondlicht,
Wie der Mond in der Thräne, die deinen Wimpern
entbebte!
Bruder, die Tage sind hin! Verloren die seligen
Nächte.
Nimmer kehren sie. Nimmer erschau' ich dich! Ein-
sam und schweigend
Wallst du im dumpfen Todtenreich, ein Schatten
mit Schatten.
Klagt, ihr Jüngling' am Nebelbach, um eurer
Gesellen
Edelsten, klagt! Ihn hat die Welle der Warne ver-
schlungen
Weinet, ihr Töchter der Stadt am Nebel, um
eurer Verehrer
Holdesten, weint! Er ist erstarrt im Eise der Warne.
Lange stand an der Thür der heimlichen Pforte
das Mädchen
Seines Herzens, und schauert' im nächtlichen Frost',
und rufte,
Stand und horcht' und schauert', und rufte: „Wo
bleibt mein Geliebter,
„dass ich schütter' im Frost der Nacht, dass meine
Locken
„kalte Winde bereifen. Wo bleibt der Zauderer?“ —
Rufe,
Rufe dem Zauderer nicht! Sein Ohr ist auf ewig
geschlossen!
Über die Pfade zu Land' und über die Pfade zu
Wasser
Harrt die Mutter des Wellenverschlungnen und
schmachtet nach Zeitung
Von dem Geliebten, dem Erstgebornen. Ach
schmachte, Verarmte,
Nicht so sehnlich nach ihr! Sie kommt und schmet-
tert dich nieder!
Tief in des Stroms kristallenem Sarge liegt mein
Geliebter
Starr und gestaltlos. Es haben die Fröste die strö-
mende Fülle
Seiner Locken gefesselt, gehemmt des Starken Ver-
mögen.
Tief in des Stroms gefrorenem Schoosse schlum-
mert mein Liebling. —
Kehre, Frühling, und löse die Bande des Starren,
und hilf ihm
Meinen Liebling betten ins Grab des heiligen Welt-
meers.