Klage um Dellwar, den Wellenverschlungenen.

By Gotthard Ludwig Kosegarten

Luftgebilde, das nebelumgürtet mit triefenden

Locken

Und mit rettungflehenden Händen vorüber mir

wandelt,

Rede, wer bist du? — Bist du es, mein wellen-

verschlungener Dellwar?

Dellwar, Dellwar, du bist es! Mein trauter

Dellwar, wie anders!

O, wie anders, Geliebter, als in den Tagen, die waren!

Stattlich war an der Warne dein Wandeln,

erhaben dein Herschritt

Unter den Edeln! Nun schwebst du ein Schatten

mit nichtigen Schatten!

Liebend flogen dir sonst die Jünglinge, liebend

die Mädchen

Dir entgegen. Nun schaudert zurück, wer dem

Blassen begegnet.

Blasser, du warest mir lieb in deiner rosigen

Jugend,

Bist mir lieb in deinem Erblassen, mir lieb auf ewig!

Bruder, du warest mir werth vor jedem deiner

Gespielen!

Werth auch dir, mein Bruder, war ich vor deinen

Gesellen!

Unsre Seelen ahneten, naheten, flogen einander

Feurig entgegen. Nun wallst du ein Schatten mit

kalten Schatten.

Bruder, ich denke der seligen Tage, der seligen

Nächte,

Wo wir wallten im thauenden Grase des schönen

Eylands,

Wo wir grüssten in Dämmerschatten die rauschende

Eiche,

Wo wir, sitzend am flisternden See im schaurigen

Mondschein,

Mit den Thaten der Väter, und mit den Gesängen

der Vorwelt

Unsre Seelen erhöhten. — Wie glänzte dein Antlitz

im Mondlicht,

Wie der Mond in der Thräne, die deinen Wimpern

entbebte!

Bruder, die Tage sind hin! Verloren die seligen

Nächte.

Nimmer kehren sie. Nimmer erschau' ich dich! Ein-

sam und schweigend

Wallst du im dumpfen Todtenreich, ein Schatten

mit Schatten.

Klagt, ihr Jüngling' am Nebelbach, um eurer

Gesellen

Edelsten, klagt! Ihn hat die Welle der Warne ver-

schlungen

Weinet, ihr Töchter der Stadt am Nebel, um

eurer Verehrer

Holdesten, weint! Er ist erstarrt im Eise der Warne.

Lange stand an der Thür der heimlichen Pforte

das Mädchen

Seines Herzens, und schauert' im nächtlichen Frost',

und rufte,

Stand und horcht' und schauert', und rufte: „Wo

bleibt mein Geliebter,

„dass ich schütter' im Frost der Nacht, dass meine

Locken

„kalte Winde bereifen. Wo bleibt der Zauderer?“ —

Rufe,

Rufe dem Zauderer nicht! Sein Ohr ist auf ewig

geschlossen!

Über die Pfade zu Land' und über die Pfade zu

Wasser

Harrt die Mutter des Wellenverschlungnen und

schmachtet nach Zeitung

Von dem Geliebten, dem Erstgebornen. Ach

schmachte, Verarmte,

Nicht so sehnlich nach ihr! Sie kommt und schmet-

tert dich nieder!

Tief in des Stroms kristallenem Sarge liegt mein

Geliebter

Starr und gestaltlos. Es haben die Fröste die strö-

mende Fülle

Seiner Locken gefesselt, gehemmt des Starken Ver-

mögen.

Tief in des Stroms gefrorenem Schoosse schlum-

mert mein Liebling. —

Kehre, Frühling, und löse die Bande des Starren,

und hilf ihm

Meinen Liebling betten ins Grab des heiligen Welt-

meers.