Klage um Elisa

By Gotthard Ludwig Kosegarten

Written 1788-01-01 - 1788-01-01

Tief im Grabe schläft Elise.

Und der lindre Sonnenstrahl,

Und das junge Grün der Wiese,

Und der Schlag der Nachtigall,

Wecken ihr nicht Lust noch Wonne.

Ach! in ihrer kühlen Gruft

Weht kein süßer Blüthenduft,

Fruchtet keine goldne Sonne.

Ach! Was frommt uns Frühlingsmilde,

Und der Schöpfung junge Pracht?

In dem hellen Lenzgefilde

Wallen wir in Trauertracht,

Danken nicht für deine Gabe,

Lenz, für deine Freude dir!

Denn Elisa ist nicht hier.

Ach! Elisa schläft im Grabe.

War sie nicht so fromm, so weise?

War gefällig, mild' und gut!

War auf ihrer Lebensreise

Immer frei und froh von Muth!

Ach! sie war uns Stolz und Freude!

Ach! sie war uns Licht und Rath!

Unverzagt in Edelthat!

Tröstend und getrost im Leide.

O wie manche Wonnestunden

Haben wir mit ihr verscherzt!

O wie manche herbe Wunden

Haben wir mit ihr verscherzt!

Ihre Liebe, ihre Treue

Lindert' alles Herzeleid,

Strahlte frohe Heiterkeit

Ueber unsre kleine Reihe!

Abends in der Geißblattlaube

Saßen wir im Kühlgelüft,

Kosteten die goldne Traube,

Athmeten das Thaugedüft.

Künftig sollst du, Laube, trauern,

Denn Elisa ist nicht hier.

Ach! Elisa kehrt zu dir

Nimmer aus des Grabes Schauern.

Künftig wird sie dich nicht pflegen,

O, du duftig Blumrevier!

Wartung, Wahrung, Pfleg' und Segen

Nimmst du förder nicht von ihr.

Helle Rosen, sanfte Nelken,

Myrte, Raute, Rosmarin,

Welket alle, welkt nur hin –

Mußte doch Elisa welken!

All' die Freuden vor'ger Jahre

Flohn mit ihr die Gruft hinab;

Starrten mit ihr auf der Bahre,

Sanken mit ihr tief ins Grab!

Von uns ist sie, von uns gangen,

Unsre Traute, Freundliche,

Achtet nicht auf unser Weh,

Weiß nicht unser heiß Verlangen.

Fließt ihr, fließt ihr, stille Thränen,

Wenn der goldne Tag erwacht.

Ruf' ihr, unser banges Sehnen,

In verschwiegner Mitternacht!

Hall' ihr, dumpfe Todesklage,

Bis auch uns das Schicksal ruft,

Und uns in Elisa's Gruft

Bettet bis zum jüngsten Tage.