Klagende Gratien Uber dem Absterben Fr. M. v. G. g. K. den 4. Novembr. 1674. Son...

By Heinrich Mühlpfort

Wer schilt hochwerther Freund die Wehmuths- vollen Zähren

Womit er noch das Grab der Treu-geliebten netzt?

Hat die Euridice der Orpheus werth geschätzt

Daß er von Göttern darff nur diesen Wunsch begehren;

Sie solten ihm das Bild der Liebsten noch gewehren

Und ob sie allbereit in Plutons Reich versetzt:

So ehrt er die mit recht die ihn so hoch ergetzt

Wenn er der blassen Leich’ auch will die Pflicht erklären.

Ob ihre Klugheit zwar und himmlischer Verstand

Sie auff der Erden noch erhoben zu den Göttern

Ob ihre Lieb’ und Treu in seinem Hertzen strahlt

Und ihre Tugend sie in seiner Seel abmahlt;

So les’ er doch wenn sich der Schmertzen was gewand

Das Lied der Gratien auf diesen Trauer-Blättern.

Die Blumen-Königin die Flora saß betrübet

Der Garten ihrer Lust schien eine Wüsteney

Die Blumen die sie vor als ihre Zucht geliebet

Trat der bestürtzte Fuß als Unmuth fast entzwey.

Was rief sie müh’ ich mich mein Königreich zu mehren?

Nun mir der kalte Nord den besten Schmuck geraubt:

Nun Regen Wind nnd Lufft die Pflantzen mir versehren

Und hart-gefrorner Reiff stürmt auff mein gölden Haupt.

Ich seh’ der Nelcken-Kleid das wol auf hundert Arten

Bald voller Feuer glamm bald voller Schnee erschlen

Bald bund bald striemig war zum Wunderwerck im Garten

Jtzt wie ein altes Tuch sich in die Falten ziehn:

Mein Amar anth verbleicht die Liebsten Anemonen

Sind flüchtig es ver geht der Tuberosen Pracht

Ich Aermste mag nicht mehr in meinem Lust-Haus wohnen

Es sey mein Aufenthalt dort jener Höle Nacht.

Da soll ein Buchsbaum mir zum Lust-Gefilde dienen

Und ein Cypressenstr auch den man sonst Gräbern schenckt

Da soll zu Ehren mir die blasse Wermut grünen.

Der Himmel weiß allein was meine Seele kränckt!

Drauff eilte sie verwirrt zu der erkohrnen Hecken

Und suchte Ranm und Ruh in tieffster Einsamkeit.

Allein die Höle so die Flora soll bedecken

Hat durch ein Traur-Gesicht verdoppelt Harm und Leid.

Sie merckt da einen Sarch umb den viel Ampeln brennen

Und hört ein kläglich Ach! ziehn durch die stille Lufft:

Ja wie die Schatten ihr auch geben zu erkennen

Verspürt sie daß ein Volck der

Der Anblick macht sie kühn zu forschen das Beginnen

Und die Erkäntnüß macht sie von dem Zweiffel srey.

Es redt ihr traurig zu die Mutter der Holdinnen

Eunomie und sagt’ was ihre Pflicht hier sey:

Wie durch deß Himmels-Schluß und unerforschten Willen

Die

Der Freundligkeiten Bild die Grube müssen füllen

Wie sie als Gratien abstatten die Gebühr.

Und sprach Eunomie: Wilt du noch weiter wissen

Warumb der Leichen-Dienst uns Vieren auffgelegt?

Der Frauen die wir itzt Wehklagende vermissen

War unser Contrafey in Seel und Geist geprägt.

Und ob mein himmlisch Leib Göttinnen nur getragen

Und die Vollkommenheit auf meine Töchter stammt

Ist doch die Seelige so zart uns nachgeschlagen

Daß fast ein gleicher Witz auß ihrer Brust geflammt.

Ist als die Richterin der angebohrnen Sitten

Hab’ in der Kindheit Wachs der Tugend Gold gedrückt

Und als sie in dem May der Jahre fort geschritten

Hat meiner Töchter Gunst und Liebe sie beglückt.

Was meine Gratien vor Anmuth bey sich haben

Die Frauen-Zimmer hier auf Erden Englisch macht

Tieffsinnigen Verstand Zucht Klugheit andre Gaben

Schien wie in einem Ring bey ihr zusammen bracht.

Man sagt die Pallas sey aus Jovis Hirn entsprossen:

In unser

Wie der war mit dem Quell der Castalis begossen

Wie die Beredsamkeit die späte Nachwelt preist

So hatt’ ihr feurig Sinn dergleichen Zug bekommen

Der von gestirnter Höh nur edle Seelen rührt.

Nun dieses Tugend-Licht ach leider! ist verglommen.

Ich thräne daß der Tod so einen Schatz entführt.

Der Schmertz hemmt meinen Mund: Gespielen ihrer Jugend

Holdseel’ge

Ehrt wie ihr wißt und könnt auch in dem Sarch die Tugend

Denn ihre Herrligkeit hat Lob zum Eigenthum.

Ach rieff Euphrosine! Ach Mutter holder Sitten!

Nun unsre Freundin tod so sind wir mit erblast.

Ach daß die Parcen uns den Faden abgeschnitten

Eh’ uns

Es hat mir die Natur die Anmuth angebohren

Daß Lust und Freundligkeit auf meinen Wangen spielt;

Daß bey mir Zucht und Scham die Hofestadt erkohren;

Auch unsre

Es kan die Rose nicht im Frühling schöner gläntzen

Und keine Lilie zieht weissern Atlas an

Als ihre Jugend sich wies in der Jahre Lentzen

So daß ihr Liebster sie vor allen lieb gewan.

Penelope mag viel von ihrer Keuschheit sagen

Creusa in die Flucht mit dem Aeneas gehn:

Mit mehr Ergötzligkeit und freundlicherm Behagen

Sah’ man sie treu vermählt bey ihrem Eh-Schatz stehn.

So gar daß Beyder Hertz und Mund-Art war vereinet

Der Sprache Reinligkeit so rein als Meissens fiel.

Verdenckt mich nun der Neid wenn itzt mein Auge weinet

Und wo der Todes-Fall verstimmt mein Flöten-Spiel?

Doch Freundin diesen Schleyr benetzt mit heissen Zähren

Und denn ein traurig Weh’ so meine Flöth erthönt

Will ich dir Meisteriu aus Lieb und Pflicht gewähren

Es sey mit dem Jesmin zuletzt dein Grab bekröhnt.

Ich liefre dir ihn weiß ein Bild der reinen Sinnen

Ein Bild der reinen Treu und unbefleckten Gunst

Womit dein Ruhm sich schwingt biß an des Himmels Zinnen

Und legt dir Zengnüß ab von Witz Verstand und Kunst.

Aglaja unterbrach mit kurtzgefaßten Worten

Den Nach ruff halb entzückt. Wie Schwestern kan es seyn?

Der Leib ist zwar erkalt; ihr Ruhm lebt aller Orten.

Solt ich Saumseelige zu späth mich stellen ein?

Nein der Jeßminen

Dieweil ihr göldner Mund von lauter Nectar ran.

Und wo Redseeligkeit die Hertzen kan regieren

So stund es ihr noch mehr als Frauen-Zimmer an?

Jtzt liegst du nun verstummt erquickende S

Davor manch nettes Lied von deinen Lippen floß.

Doch schlaf itzt ungestört entgeisterte Camene

Apollo macht dich selbst mit seinen Musen groß.

Thalia ließ sie nicht mehr Klage-Worte sprechen

Sie sprach: mein Schmertzen ist dem Himmel bloß bekand

Duedle Gutsmuthsin ich will Jesminen brechen

So von den Farben auch sind Himmelblau genant.

Dieweil du nunmehr hast der Erden Rund verlassen

Und in des Himmels Sitz itzt deine Laute schlägst

So kan ich schöner nicht dir deinen Lob-Spruch fassen

Als den du allbereit von klugen Frauenträgst.

Du warst des Mannes Trost des Hauses Wolfarths-Sonne

Des Gartens ander May des Gutes Zuversicht.

Ja schrie die Flora drein: Weicht meiner Gräntze Wonne?

Was Wunder so der Tod mein Garten-Werck zernicht!

Sie rieß ihr fliegend Haar in mehr als tansend Stücken

Und sprach: Mein Königreich verfällt in Asch und Grauß.

Wie soll nicht Wind und Frost die Blumen niederdrücken

Nun mich nicht mehr bescheint die Sonne von dem Hauß?

Ich will mein tieffes Leid we hmüthig zu bezeigen

Verwandeln meinen Rock in einen Trauer-Schnee:

Nicht eine Blume die der Thau bethränt soll schweigen

Daß ihr nicht der Verlust biß an die Wurtzel geh’.