Klagende Gratien Uber dem Absterben Fr. M. v. G. g. K. den 4. Novembr. 1674. Son...
Wer schilt hochwerther Freund die Wehmuths- vollen Zähren
Womit er noch das Grab der Treu-geliebten netzt?
Hat die Euridice der Orpheus werth geschätzt
Daß er von Göttern darff nur diesen Wunsch begehren;
Sie solten ihm das Bild der Liebsten noch gewehren
Und ob sie allbereit in Plutons Reich versetzt:
So ehrt er die mit recht die ihn so hoch ergetzt
Wenn er der blassen Leich’ auch will die Pflicht erklären.
Ob ihre Klugheit zwar und himmlischer Verstand
Sie auff der Erden noch erhoben zu den Göttern
Ob ihre Lieb’ und Treu in seinem Hertzen strahlt
Und ihre Tugend sie in seiner Seel abmahlt;
So les’ er doch wenn sich der Schmertzen was gewand
Das Lied der Gratien auf diesen Trauer-Blättern.
Die Blumen-Königin die Flora saß betrübet
Der Garten ihrer Lust schien eine Wüsteney
Die Blumen die sie vor als ihre Zucht geliebet
Trat der bestürtzte Fuß als Unmuth fast entzwey.
Was rief sie müh’ ich mich mein Königreich zu mehren?
Nun mir der kalte Nord den besten Schmuck geraubt:
Nun Regen Wind nnd Lufft die Pflantzen mir versehren
Und hart-gefrorner Reiff stürmt auff mein gölden Haupt.
Ich seh’ der Nelcken-Kleid das wol auf hundert Arten
Bald voller Feuer glamm bald voller Schnee erschlen
Bald bund bald striemig war zum Wunderwerck im Garten
Jtzt wie ein altes Tuch sich in die Falten ziehn:
Mein Amar anth verbleicht die Liebsten Anemonen
Sind flüchtig es ver geht der Tuberosen Pracht
Ich Aermste mag nicht mehr in meinem Lust-Haus wohnen
Es sey mein Aufenthalt dort jener Höle Nacht.
Da soll ein Buchsbaum mir zum Lust-Gefilde dienen
Und ein Cypressenstr auch den man sonst Gräbern schenckt
Da soll zu Ehren mir die blasse Wermut grünen.
Der Himmel weiß allein was meine Seele kränckt!
Drauff eilte sie verwirrt zu der erkohrnen Hecken
Und suchte Ranm und Ruh in tieffster Einsamkeit.
Allein die Höle so die Flora soll bedecken
Hat durch ein Traur-Gesicht verdoppelt Harm und Leid.
Sie merckt da einen Sarch umb den viel Ampeln brennen
Und hört ein kläglich Ach! ziehn durch die stille Lufft:
Ja wie die Schatten ihr auch geben zu erkennen
Verspürt sie daß ein Volck der
Der Anblick macht sie kühn zu forschen das Beginnen
Und die Erkäntnüß macht sie von dem Zweiffel srey.
Es redt ihr traurig zu die Mutter der Holdinnen
Eunomie und sagt’ was ihre Pflicht hier sey:
Wie durch deß Himmels-Schluß und unerforschten Willen
Die
Der Freundligkeiten Bild die Grube müssen füllen
Wie sie als Gratien abstatten die Gebühr.
Und sprach Eunomie: Wilt du noch weiter wissen
Warumb der Leichen-Dienst uns Vieren auffgelegt?
Der Frauen die wir itzt Wehklagende vermissen
War unser Contrafey in Seel und Geist geprägt.
Und ob mein himmlisch Leib Göttinnen nur getragen
Und die Vollkommenheit auf meine Töchter stammt
Ist doch die Seelige so zart uns nachgeschlagen
Daß fast ein gleicher Witz auß ihrer Brust geflammt.
Ist als die Richterin der angebohrnen Sitten
Hab’ in der Kindheit Wachs der Tugend Gold gedrückt
Und als sie in dem May der Jahre fort geschritten
Hat meiner Töchter Gunst und Liebe sie beglückt.
Was meine Gratien vor Anmuth bey sich haben
Die Frauen-Zimmer hier auf Erden Englisch macht
Tieffsinnigen Verstand Zucht Klugheit andre Gaben
Schien wie in einem Ring bey ihr zusammen bracht.
Man sagt die Pallas sey aus Jovis Hirn entsprossen:
In unser
Wie der war mit dem Quell der Castalis begossen
Wie die Beredsamkeit die späte Nachwelt preist
So hatt’ ihr feurig Sinn dergleichen Zug bekommen
Der von gestirnter Höh nur edle Seelen rührt.
Nun dieses Tugend-Licht ach leider! ist verglommen.
Ich thräne daß der Tod so einen Schatz entführt.
Der Schmertz hemmt meinen Mund: Gespielen ihrer Jugend
Holdseel’ge
Ehrt wie ihr wißt und könnt auch in dem Sarch die Tugend
Denn ihre Herrligkeit hat Lob zum Eigenthum.
Ach rieff Euphrosine! Ach Mutter holder Sitten!
Nun unsre Freundin tod so sind wir mit erblast.
Ach daß die Parcen uns den Faden abgeschnitten
Eh’ uns
Es hat mir die Natur die Anmuth angebohren
Daß Lust und Freundligkeit auf meinen Wangen spielt;
Daß bey mir Zucht und Scham die Hofestadt erkohren;
Auch unsre
Es kan die Rose nicht im Frühling schöner gläntzen
Und keine Lilie zieht weissern Atlas an
Als ihre Jugend sich wies in der Jahre Lentzen
So daß ihr Liebster sie vor allen lieb gewan.
Penelope mag viel von ihrer Keuschheit sagen
Creusa in die Flucht mit dem Aeneas gehn:
Mit mehr Ergötzligkeit und freundlicherm Behagen
Sah’ man sie treu vermählt bey ihrem Eh-Schatz stehn.
So gar daß Beyder Hertz und Mund-Art war vereinet
Der Sprache Reinligkeit so rein als Meissens fiel.
Verdenckt mich nun der Neid wenn itzt mein Auge weinet
Und wo der Todes-Fall verstimmt mein Flöten-Spiel?
Doch Freundin diesen Schleyr benetzt mit heissen Zähren
Und denn ein traurig Weh’ so meine Flöth erthönt
Will ich dir Meisteriu aus Lieb und Pflicht gewähren
Es sey mit dem Jesmin zuletzt dein Grab bekröhnt.
Ich liefre dir ihn weiß ein Bild der reinen Sinnen
Ein Bild der reinen Treu und unbefleckten Gunst
Womit dein Ruhm sich schwingt biß an des Himmels Zinnen
Und legt dir Zengnüß ab von Witz Verstand und Kunst.
Aglaja unterbrach mit kurtzgefaßten Worten
Den Nach ruff halb entzückt. Wie Schwestern kan es seyn?
Der Leib ist zwar erkalt; ihr Ruhm lebt aller Orten.
Solt ich Saumseelige zu späth mich stellen ein?
Nein der Jeßminen
Dieweil ihr göldner Mund von lauter Nectar ran.
Und wo Redseeligkeit die Hertzen kan regieren
So stund es ihr noch mehr als Frauen-Zimmer an?
Jtzt liegst du nun verstummt erquickende S
Davor manch nettes Lied von deinen Lippen floß.
Doch schlaf itzt ungestört entgeisterte Camene
Apollo macht dich selbst mit seinen Musen groß.
Thalia ließ sie nicht mehr Klage-Worte sprechen
Sie sprach: mein Schmertzen ist dem Himmel bloß bekand
Duedle Gutsmuthsin ich will Jesminen brechen
So von den Farben auch sind Himmelblau genant.
Dieweil du nunmehr hast der Erden Rund verlassen
Und in des Himmels Sitz itzt deine Laute schlägst
So kan ich schöner nicht dir deinen Lob-Spruch fassen
Als den du allbereit von klugen Frauenträgst.
Du warst des Mannes Trost des Hauses Wolfarths-Sonne
Des Gartens ander May des Gutes Zuversicht.
Ja schrie die Flora drein: Weicht meiner Gräntze Wonne?
Was Wunder so der Tod mein Garten-Werck zernicht!
Sie rieß ihr fliegend Haar in mehr als tansend Stücken
Und sprach: Mein Königreich verfällt in Asch und Grauß.
Wie soll nicht Wind und Frost die Blumen niederdrücken
Nun mich nicht mehr bescheint die Sonne von dem Hauß?
Ich will mein tieffes Leid we hmüthig zu bezeigen
Verwandeln meinen Rock in einen Trauer-Schnee:
Nicht eine Blume die der Thau bethränt soll schweigen
Daß ihr nicht der Verlust biß an die Wurtzel geh’.