Klägliche Folgen des strengen Winters 1740.
Wie ist doch der betrübte Winter von einer gar zu langen
Dauer,
Kein Laub, kein Blättgen zeiget sich, kein Kraut, kein Gräs-
gen bricht herfür!
Wo ist das schöne grüne Feld? Wo der beblühmten Gärten
Zier?
Bleibt unsre Mutter heuer denn in unveränderlicher
Trauer?
Verändert sich denn die Natur? Führt uns der Winter
nicht zum Lenzen?
Kömmt keine Wärme nach dem Frost? Der sonst beblühmte
Monat May
Hat keine Bluhmen, kennt kein Grün, und ist dennoch schon
halb vorbey.
Des alten Grases welker Wust deckt, wie ein schmutzigs
blasses Heu,
Die sonst so lieblichen Gefilde, wo Bluhmen, Klee und
Kräuter glänzen.
Ist gleich das Wasser aufgethaut, so scheint die Luft an-
noch gefroren,
Sie füllt ein Heer von kalten Theilen, das uns mit stren-
ger Schärfe preßt,
Und fast kein Kraut aus harter Erde, kein Blatt aus seiner
Knospe läßt.
Ein lauer Regen sprüet nirgend, früh wird für uns
kein Thau gebohren,
Das Vieh blöckt in dem leeren Stall, es blöcket auf den
öden Weiden,
Dort ist kein Futter, hier kein Gras, die ganz enthaarte
nackte Haut,
So kaum die dürren Knochen deckt, wird ohne Gram nicht
angeschaut.
Jhr Brüllen bricht des Landmanns Herz, er leidet selbst bey
ihrem Leiden;
Sieht etwan einst ein Spierchen Gras, das niedrig steht am
Wasser-Graben,
So stürzet es oft in das Wasser. Man rettet dieses arme
Vieh
Zuweilen nicht, und es ertrinkt; zuweilen, doch mit vieler
Müh,
Indem sie selber sich zu helfen, für Hunger, keine Kräfte
haben.
So geht es Ochsen, Kühen, Kälbern, den Schaafen gleich-
falls, nebst den Pferden,
Sie schleppen kaum ihr eigne Last. Nun soll annoch gepflü-
get werden.
Ja, wo das Unglück sich nicht ändert, wie soll im Herbste
doch das Feld,
Wenn sie noch weiter sterben sollten, zur nöht’gen Winter-
Saat bestellt,
Gepflüget und geeget werden? Woher soll Milch und
Butter kommen?
Woher, zu unsrer Nahrung, Fleisch? Ach, wird denn nun
nicht wahrgenommen,
Was für ein Schatz im Grase steckt, worauf wir niemahls
fast gedacht,
Weil es, so lang man denkt und weiß, das Land von selbst
hervorgebracht.
Ach, welch ein göttliches Geschenke hat in der Erden
Schmuck gesteckt,
Das man, wie alles Gute, leider! nunmehr, bloß im Verlust,
entdeckt!
O GOtt! aus Dessen Lieb’ und Macht allein das Laub
und Gras entstehet,
Wir haben durch des Undanks Laster, durch unsre Uner-
kenntlichkeit,
Die Strafe mehr als wohl verdient, daß es uns geht, wie es
uns gehet.
Wir fühlen itzt von unsrer Sünden die sträfliche Beschaf-
fenheit.
Wir haben nicht des Grases Wehrt erwogen, nicht, wie es
so schön,
Bey seinem Nutz, zu unsrer Lust, anbey geschmückt, nicht
angesehn.
Steckt gleich der Thier’ und Menschen Nahrung fast in
dem Grase nur allein;
Wir haben es fast nie bedacht, wie konnten wir gerühret
seyn?
Wie konnten wir dem Schöpfer danken, da wir doch offen-
bar itzt sehn,
Daß, wenn allein das Gras uns fehlte, die lebendige Welt
vergehn,
So Thier’, als Menschen sterben müsten? Nun aber, da
wir leider finden,
Was aller Welt daran gelegen, und da es uns nunmehro
fehlt,
Mit Thränen in den Augen fühlen, wie heftig der Verlust
uns quält,
Und wir nunmehr die bittern Folgen von diesem Mangel
kaum ergründen;
So fällt mir Moses Beyspiel ein, da er sich für sein Volk
erkühnte,
Und gegen Dich, HErr Zebaoth! sich Deines Namens selbst
bediente.
Soll, sprach er, denn der Heiden Schaar von Deines Na-
mens Ehre sagen:
Du habest Jsrael erlös’st, sie in der Wüsten zu erschlagen?
Auf gleiche Weise bin ich kühn, und stelle, grosser Schöpfer!
Dir
Die Ehre Deines grossen Namens, in tiefster Unterwerfung,
für.
Soll, denk ich, denn ein Atheist (da Du ja aller Welt ver-
sprochen:
So lang’ als Erd’ und Himmel steht, hört in dem fest
gestellten Lauf
Der Frühling, Sommer, Herbst und Winter, in ihrer
Ordnung, nimmer auf.)
Wohl ungeahndet sagen können: Es wär Dein grosses
Wort gebrochen?
Ich flehe Dich nicht um ein Volk, in aller Völker Namen an,
Wovon kein einzigs ohne Gras, wie wir gesehn, bestehen
kann.
Ach laß, HErr, Deiner Gnaden Schein, in lauer Wärme,
wiederkehren!
Schenk uns aufs neue Laub und Gras, damit sich Thier’ und
Menschen nähren,
Und laß, im frohen Danken, uns dafür mehr, als zuvor,
Dich ehren!Siehe die sehr späte Heu-Erndte.