Kolosseum

By Franz Grillparzer

Written 1819-01-01 - 1819-01-01

Was stehst du da, du stolzer Bau,

Und siehst mich traurig an,

Aus deinen Brauen altergrau,

Was hat man dir getan?

Sag an, was dir wohl fehlen mag,

Und sei es noch so viel,

Liegt das Gebrechen erst am Tag,

So setzt man wohl ein Ziel.

Doch ja! an deinen Wänden hier,

Hat Raubsucht dich gepackt,

Bis an die festen Rippen schier

Steht deine Seite nackt:

Allein die Rippen halten noch

Und schließen ihren Ring

Und trotz dem Räuber stehst du doch,

Indes er selbst verging. –

Auch deines Schmuckes, deiner Zier

Wardst frevelnd du beraubt,

Und kahl und dürftig stehst du hier,

Mit unbedecktem Haupt:

Ein andrer seufz ob solchem Druck,

Dir sei die Klage fern,

Die Größe ist des Großen Schmuck,

Nur Kleines putzt sich gern. –

Dies Zeichen hier am Vorderteil –

Was bebst und schütterst du?

Das Zeichen ists von Ruh und Heil,

Wie nähm dirs Heil und Ruh?

Wiß, alles Irdische ist schwach,

Und alle Kraft ist hohl,

Hilft nicht das Überirdsche nach,

So steht sichs nimmer wohl.

Allein du meinst, dir sei nicht bang,

Du würdest selber sehn,

Du seist gestanden Säkuln lang

Und würdest ferner stehn?

Nun wohl, so wirf es denn hindann

Und trotze bis zum Tod,

Wer von sich selber stehen kann,

Hat keiner Stütze not.