König Abels Ende

By Emanuel Geibel

Written 1833-01-01 - 1833-01-01

König Abel hatt' einen schweren Traum,

Nicht länger läßt's ihn schlafen,

Er springt vom Bett und tritt hinaus

Zum Söller überm Hafen.

Es scheint der Mond, es rauscht die Schlei

Mit dumpfem Wellenschlage;

Der König starrt hinab, er denkt

Der Schuld vergangner Tage.

Und wie es Eins vom Dome schlägt,

Kommt unten auf den Wogen

Gespenstisch aus dem Nebelduft

Ein stummer Kahn gezogen.

Er schwebt heran im weißen Licht,

Unhörbar geht das Ruder –

„Hilf Gott! Der dort am Steuer sitzt,

Das ist mein toter Bruder!

Langsam an seinem Halse quillt

Das Blut aus breiter Wunde,

In seinem Haar noch klebt das Schilf,

Der Schlamm vom Stromesgrunde.

Er stiert mich an mit glas'gem Blick,

Mein Blut gerinnt vor Grauen;

Er hebt den Arm und winkt und winkt –

Weh mir, ich kann's nicht schauen!“

Herr Abel stürzt zurück ins Schloß:

„Laßt mir den Bischof wecken!“

Er keucht's und birgt sein fiebernd Haupt

In seines Lagers Decken.

„Fluch dir, Fluch dir, unselig Gold,

Du Königskron' im Norden!

Wohl heiß ich Abel, doch um dich

Zum Kain bin ich worden.

Fluch, Purpur, dir! Du gleißtest mir

So zaubrisch vor den Sinnen;

Nun sengst du mich wie Feuersglut,

In Qual muß ich von hinnen.“

Was pocht und hämmert in der Wand?

Das kommt vom Totenwurme.

Was klirrt und klingt? Das Fenster springt

Weitklaffend auf im Sturme.

Und sieh, zwei schwarze Raben ziehn

Herein mit heiserem Schreien,

Sie flattern kreischend um das Bett

Und fliegen hinaus zu dreien.

Der Bischof kommt, er schlägt ein Kreuz,

Die Raben sieht er fliegen,

Er sieht den König starr und tot

Auf seinem Purpur liegen.