König Manfreds Grab

By Felix Dahn

Written 1873-01-01 - 1873-01-01

Den toten Manfred plünderten Burgunden,

Zerfleischend ihn mit zwanzig Lanzenwunden,

Gern gab dem Ketzer jeder einen Stich:

Und Karl von Anjou trat, der bleifarbbleiche,

Mit ehrnem Fuß fest auf die Brust der Leiche

Und sprach: „Aas bist du – Herr bin ich.“

Auf ödem Heidemoor verscharrten Knechte

Abseit vom Weg ihn unter Dorngeflechte. –

Ein Krüppel, dem er wohlgetan einmal,

Wollt' ihm ein Holzkreuz auf die Grube setzen:

Jedoch mit Hunden ließ hinweg ihn hetzen

Johann, Cosenzas Kardinal.

Ein Dornbusch nur war Merkmal jener Stätte. –

Doch nach sechs Jahren träumt' im Purpurbette

Dem Anjou, – um sich schlug er mit der Hand! –

Den toten Manfred hör' er drohend sprechen:

„Dein Reich wird spurlos in Italien brechen:

Ich ruhe bald in freiem Land.“

Empor fuhr der Tyrann: „Dies Omen wend' ich!

Des Ketzers ausgegrab'ne Knochen send' ich

Nach Frankreich, dort zu senken sie ins Meer!“ –

Und auf das Schlachtfeld sandt' er seine Boten,

Viel hundert Häscher nach dem Einen Toten: –

Sie kamen heim, die Hände leer.

„Herr“ – sprachen sie – „mag uns dein Zorn verschlingen –

Wir können diesen König nicht dir bringen:

Ein Dornbusch – wie du weißt – stand an dem Ort:

Der muß gewesen sein von wilden Rosen:

Denn unabsehbar jetzt im Lenzwind kosen

Viel tausend, tausend Rosen dort.

‚Den Wald der Rosen‘ nennt den Ort die Menge;

Unscheidbar wogt das duft'ge Strauchgedränge:

Unmöglich ward, daß man das Grab erkennt!“ – –

Lang' ist des Anjous blutig Reich zerfallen:

Um Manfred singt ein Heer von Nachtigallen

Im Rosenwald von Benevent.