Kräfte der menschlichen Vernunft.

By Barthold Heinrich Brockes

Hier seh ich, an verschiednen Stellen,

Ein Silber-reines Wasser qvellen,

Erst über weissem Sande fliessen,

Hernach sich übers Land ergiessen,

Sich über Weg und Fuß-Steig lencken,

Und Wiesen, Gras und Kraut erträncken.

Mir fiel bey diesem Wasser, ein:

Es hieß der Schöpfer, auf der Erden

Zwar alle Ding’ und Cörper werden;

Doch können sie sich nicht allein

Nach Ordnung und Vernunft regieren;

Es müssen darum Menschen seyn,

Um sie zum rechten Zweck zu führen.

Dem Geist des Menschen ist die Kraft

Von dem, der alles schuf, geschencket,

Daß er der Cörper Eigenschaft

Nach Regul, Maaß und Ordnung lencket.

Was könnte nicht, aus diesem Bach,

Der Tag und Nacht beständig läuft,

Und, sonder Aufsicht, nach und nach

Das Land verderbet und ersäuft,

So wol zur Lust, als Fruchtbarkeit der Erden,

Für Nutzen nicht geschaffet werden?

Solch unsern Geist betrachtendes Erwegen

Kann uns aufs neu von unsers Geistes Wehrt,

Und was für Gaben ihm beschehrt,

Die Wahrheit klar vor Augen legen.

Verdienet es demnach gar wol, mit ernstem Dencken,

Der Seelen Kraft auf ihre Kraft zu lencken,

Und,

Die Wunder, welche GOtt in sie zu sencken

Sie wehrt geachtet hat, ihn dadurch zu erhöhn:

Es ist wahr, es hat der Mensch nicht die schnelle

Seine Stelle zu verändern, und sich über Thal und Hügel

Schnellen Vögeln gleich zu schwingen, und sich, in so kur-

An entfernten Ort zu schaffen: denn er hat ja keine Flügel.

Gleichfals sind wir nicht so starck, wie verschiedne Thiere, die

Wir, Bewundrungs-voll, mit Hörnern, Zähnen, Sta-

Sich zu schützen, sich zu nähren, wunderbar bewaffnet

Ja, noch mehr; wir finden uns nicht gekleidet, wie das Vieh,

Von den Händen der Natur, da die Menschen auf der

Ohne Peltz-Werck, Federn, Schuppen, gegen Wetter, Hitz’

Ohne den geringsten Schutz, nackt und bloß gebohren

Schickt so nackte Dürftigkeit sich zum Könige der Erden?

Antwort:

Uns ist die Vernunft geschenckt, und durch diese sind wir

Starck, und wol versorgt mit allem, was uns nöhtig thut,

Durch dieselbe werden wir überzeuglich gnug belehret,

Daß was alle Thiere haben, eigentlich uns zugehöret.

Daß sie würcklich unsre Sclaven, daß ihr’ Arbeit, Dienst

Uns allein zu unserm Nutzen, Dienst und Willkühr über-

Haben wir ein Wildprät nöhtig; wird ein Falck, ein

Welcher, sonder unsre Mühe, das, was man verlangt, be-

Und in unsre Küche liefert. Aendert sich die Jahres-Zeit,

Und wir wollen, uns zum Schutz und zur Zier, ein an-

Zins’t das Schaf uns seine Wolle, zollet das Cameel sein

Und es spinnt der Seiden-Wurm uns ein leicht und schön

Es ernähren uns die Thiere, sie bewahren uns so gar,

Ja sie tragen unsre Lasten, bau’n und pflügen unser Land;

Dieses ist noch nicht genug: Es sind nicht die Thiere nur,

Die uns Kunst und Stärcke leih’n; die Vernunft zwingt,

Auch die Unempfindlichsten unter aller Creatur.

Selbst die allerstärcksten Eichen, die auf hohen Bergen

Bringet sie zu uns herab; sie weis Felß und Stein zu trennen

Aus der Erden duncklem Schoß, daß wir sicher wohnen

Wollen wir von einem Land-Strich, auch selbst übers Meer,

Wahre haben, oder senden, ja auch selbst mit ihnen wandern;

Brauchen wir, zu diesem Endzweck, der Gewässer Flüßigkeit,

Auch der Lüfte Hauch, den Wind. Elementen und Metallen

Sind, durch Kräfte der Vernunft, uns zu unserm Dienst

Wo sie was von Cörpern brauchen, nimmt sie, was ihr

Sind wir gleich nur klein, doch giebet die Vernunft uns

Die sonst anders keine Gräntzen, als der Erden Gräntzen

Deren Fläche wir bewohnen. Was wir wollen wird voll-

So bey Nordens kaltem Eys’, als wo stets die Sonne brennet.

Wir verbinden, so zu reden, beyde Theile dieser Welt,

Ohn uns gleichsam zu bewegen, wann und wie es uns gefällt.

Die Gedancken mahlen wir; diese Schrift wird weggesandt,

Und durch so viel tausend Menschen dringet sie, macht un-

Auf viel tausend Meilen kund, um denselben zu erfüllen;

Ja man machet durch den Druck ihn der gantzen Welt

Läßt ihn gar, nach unserm Tod’, auch die spätste Nach-

Mehr als tausend Jahr hinaus, so daß wir bekennen müssen:

Alle Wunder der Vernunft haben weder Ziel noch Ende!

Sie verschönert, sie verbessert, und bereichert alle Stände;

Sie ist in der Künstler Fingern minder nicht bewunderns

Als in der Gelehrten Schriften, worinn sie uns eine Quelle,

Die nicht zu erschöpfen ist, von Belehrung, Trost, Vergnügen,

Besserung und Hülfe wird; ja sie weiß annoch zu fügen,

In so vielen Wirckungen, Nutzen und Vortreflichkeit,

Einen Vorzug der annoch grössere Vollkommenheit

Jhres edlen Wesens weiset, den wir Augen-fällig mercken

Und zu Tage legen können, sie ist von des Schöpfers Wercken

Recht der Mittel-Punct auf Erden; recht der Endzweck

Ja sie macht von ihnen allen gleichsam recht die Harmonie.

Laßt uns einen Augenblick die Vernunft vom Erd-

Laßt uns dencken, daß kein Mensch sich auf Erden mehr

Alsobald ist alles weg, was des Schöpfers Werck verbindet,

Alsobald wird alle Ordnung fort, ein Jrrthum allgemein,

Schmutz und Unrath allenthalben, überall Verwirrung seyn.

Von dem hellen Sonnen-Licht würde zwar der Kreis der

Angestrahlet und gefärbt, lieblich, schön, und prächtig

Doch die Erde, welche blind, braucht vom hellen Glantz

Und von aller ihrer Schönheit, Farben, Pracht und

Durch die Wärme, Thau und Regen, würden zwar die

Und das Feld mit Gras bedecken auch verschiedne Frücht’

Doch es sind verlohrne Schätze. Keinem wird es Nutzen

Niemand um sie einzusammlen, zu verzehren, aufzuräumen,

Und das Unkraut zu vertilgen wäre da. Die Erde würde,

Wie man es nicht leugnen kann, zwar verschiedne Thiere

Aber diese niemand nutzen, keinem einen Dienst gewähren.

Nicht geschohrne Schaafe würden der beschmutzten Wolle

Kümmerlich nur tragen können. Ja es würden Küh’ und

Von zu vieler Milch beschwert, kranck und ungemolcken

Nichts als lauter Wiederspruch würd’ an allen Orten seyn.

Steine, die zum Bauen tüchtig, schließt der Schooß der Er-

Nebst den köstlichsten Metallen; doch Bewohner fehlen ihr,

Ja so wol als kluge Künstler, welche sonst aus tausend

Tausendfache Schätzbarkeiten, zur Beqvemlichkeit, zur Zier,

So zum Nutzen, als Ergetzen, zu formiren und zu machen

Tauglich und geschicklich sind. Es ist ihre Fläch’ ein Garten,

Angefüllt von Pracht und Schönheit von fast ungezehlten

Aber er ist nicht zu sehn. Die Natur in ihrer Pracht

Ist ein wunderschöner Schau-Platz; wovon aber keine Spur

Jemand in die Augen fällt. Aber laßt uns der Natur

Nur den Menschen wiedergeben! laßt nur die Vernunft

Wieder dargestellet werden!

Alsobald wird ein Verband, ein Zusammenhang, Verständniß

Eine Harmonie und Einheit, Lust, Empfindlichkeit,