Krötensage

By Gottfried Keller

Written 1854-01-01 - 1854-01-01

Des Berges alte Wangen sind

Von Maiensonne beschienen;

Sie lächeln unter Quellenglanz,

Die Schilfe, die Farren ergrünen.

Die Kröte springt aus dem Kieselstein,

Ein Hirt hat ihn zerschlagen;

Sie schaut verdrossen die Scherben an,

Und sie beginnt zu sagen:

„Viel tausend Jahre bin ich alt

Samt diesem Futterale!

Es schob vom hohen Felsgebirg

Allmählich mit mir zu Tale.

Doch manchmal in der Wasser Sturz

Sind wir gewaltig gesprungen;

Dann hat's um meine dunkle Klausur

Gesungen und geklungen.

Und wie mir ist – ich weiß es nicht,

Noch was ich getrieben indessen;

Ich hab im mindesten nichts gelernt

Und hatte nicht viel zu vergessen.

Ein warmer Regen, ein grünes Kraut

Nur konnten mir behagen;

Sie liegen mir fort und fort im Sinn

Aus fernen Jugendtagen.

So hab ich ein langweilig Stück

Unsterblichkeit erworben;

Hätt ich getrunken lebendige Luft,

Längst wär ich vernünftig gestorben.“