L iebes-Brieff an eine Sängerin.

By Christian Friedrich Hunold

Verwundere dich nicht du Schöne _ _ _

Daß eine frembde Hand dir was bekantes schreibet

Und daß ich auch ein Knecht der süssen Herrschafft bin

Die dein beliebter Mund mit lauter Hertzen treibet.

Der Stimme Lieblichkeit bezaubert meinen Geist

Und kan ihn künstlicher als schwartze Kunst beschweren:

Wer deiner Anmuth nur ein zartes Ohr erweißt

Muß vor die Freyheit auch die Sterbe-Lieder hören.

Die art'ge Stellung mehrt noch die Vollkommenheit:

Der Purpur steht dir wohl die Majestätschen Minen

Sind Züge deiner Pracht und auch der Würdigkeit

Wenn dir wie die Natur das Glücke wolte dienen.

Zwar deine Schönheit rühmt kein eintz'ger öffentlich

Und ob du oder nicht ein Engel seyst auff Erden

Doch wisse Liebes-Gluth steigt mehrmahls unter sich

Und selten in den Mund wenn Hertzen Redner werden.

Denn das Verschwiegenheit die schönste Tugend sey

Kan niemand leicht so wohl als Nebenbuhler wissen:

Hier sind sie keinem nicht mit einem Worte treu

Und tadeln öffters das was sie im Geiste küssen.

Drüm wehlet sich mein Hertz auch diese Redekunst

Und dieses stumme Blat soll meine Gluth bekennen

Die Flammen strecken sich nach deiner Gegengunst

Ach Schönste! laß sie doch nicht ohne Kühlung brennen

Ich bin von Fleisch und Blut und du bist wunderschön

Dein Wesen und dein Thun besteht in Seltenheiten

Und will mein Auge recht waß ungemeines sehn

So ist dein Mund ein Ort von tausend Lieblichkeiten:

Ich weiß das Orpheus hier die Lehre niederlegt

Ob er die Bäume gleich und Steine tantzend machet:

Manch Hertz ist Felsen-Art doch wird es leicht bewegt

Wenn nur die Anmuht singt und deine Schönheit lachet.

Was halb erstorben ist steigt lebend wieder auff

Und was sich sonsten regt erstarrt durch deine Hände:

Der Adern kaltes Blut kriegt den erhitzten Lauff

Wenn du mir Feuer giebst und ich dir Blicke sende.

Ja wie vermögend ist nicht sanffter Saiten-Thon?

Er fesselt Thetis Reich das Schuppen Heer der Wellen

Die Harffen klinget kaum so schertzt ein Delphin schon

Und muß sich gantz verliebt in seine Netze stellen.

Es fällt die Grausamkeit der Crocodillen hin

Music kan mit der Wuth der Elephanten streiten

Und ist Gewalt und List nicht die Bezwingerin

Bestehn die Stricke doch in angenehmen Saiten.

Den Thieren bleibt der Grim wie Tauben Gall bewust

Cameel und Hirsche sind der Unvernunfft zu wider

Und der vernünfftge Klang erquickt die wilde Brust:

Wie binden mich nun auch nicht deine schönen Lieder.

Ach Schönste

Es regt sich die Vernunfft in Augen Hertz und Ohren

Indem dein süsser Mund von solcher Würckung spricht

Dabey die Laute hat die edle Krafft verlohren.

Sirene dieser Zeit! du schöne Zauberin!

Wer kan Ulysses seyn bey deinen Lieblichkeiten?

Europens gröster Held wirfft Stahl und Eisen hin

Und reines Singen kan den Fünfften Carl bestreiten.

Dort konnte diese Macht das gröste Theil der Welt

Auch vor der kleinsten Theil mit holder Reitzung bücken:

Wie solte nicht ein Knecht der dir zu Fusse fält

Vor Venus gantzes Reich mit höchster Freude rücken?

Ach

Wie Glut und Flammen dir aus schönen Augen dringen.

Und was der enge Raum der süssen Kehle kan

Wenn du die Stimme kanst wie unsre Hertzen zwingen.

Ist deine Lieblichkeit nun unbeschreiblich schön

So lasse sie doch auch von Gegenhuld erschallen.

Darff ein verliebter Kuß zu deinen Munde gehn

So geht er zu den Ort von tausend Nachtigallen.

Doch Nachtigallen sind in güldner Einsamkeit

Und lassen sich zur Lust in grünen Büschen hören:

Drüm wilst du daß mich auch dein süsser Mund erfreut

So lasse mich zu dir in das Gebüsche kehren.