Legende

By Anastasius Grün

Written 1842-01-01 - 1842-01-01

Auf eines Berges Rücken

Saß einst der liebe Gott,

Und maß mit fröhlichen Blicken,

Was rings dem Auge sich bot.

Er sah zu seinen Füßen

Gewalt'ge Berge sich reih'n,

Und grüne Wälder sprießen

Und goldne Saaten gedeih'n.

Er sah die Quellen springen,

Er athmete Blumenduft,

Und hörte die Vögel singen

In goldner Morgenluft.

Da lächelte zufrieden

Er stille vor sich hin;

Die Menschen im Thal hernieden

Sah'n goldner die Berge glühn.

Er sah nun lange mit Freude

Herab auf seine Welt,

Und sprach: Bei meinem Eide,

Das hab' ich wohl bestellt!

Und reichere Blumendüfte

Erquollen bei seinem Wort,

Es rollte durch Erd' und Lüfte

Harmonisches Klingen fort.

Die Welt lag in der Blüthe,

Es lächelt' des Herrn Gesicht;

Da klang in seinem Gemüthe

Empor ein himmlisch Gedicht.

Da wollt' er in Worte kleiden

Und schreiben auf Pergament

All' seine Schöpferfreuden,

Wie nun sein Herz sie kennt.

Doch als er's drauf besehen,

Wie's auf dem Blatte steht,

Da war's auch ihm geschehen,

Wie's manchem Dichter geht:

Nicht konnt' er treu berichten

Des Herzens warmen Schlag;

Nicht konnt' er's schöner dichten,

Als rings es vor ihm lag!

Da riß er's zu tausend Stücken

Und gab's den Winden preis,

Sah wieder mit frohen Blicken

Auf seinen Erdenkreis.

Doch wie nun hin und wieder

Der Wind die Stücke weht,

Da ward aufs Thal hernieder

Ein Blüthenregen gesät! –

Wer Freitags auf der Reise,

Braucht nicht zu fasten dabei;

Wer Sonntags auf der Reise,

Ist von der Messe frei.

So hab' ich dieß Lied gesungen

Statt eines Gebetes heut',

Von Sonntagsglocken umklungen,

Von Blüthen überschneit.