Lehren an ein Mädchen

By Aloys Blumauer

Written 1776-01-01 - 1776-01-01

O Mädchen, schaue nicht zu viel

Auf jeder Mode Fratzenspiel!

Ein Mädchen, das nur Blonden mißt,

Und dessen Buch der Spiegel ist,

Dem ob dem Putz der Nachbarin

Vor Aerger beide Backen glüh'n,

Das wird ein Mühlstein für den Mann,

Mit dem er lang nicht schwimmen kann.

Und schüttelt er den Mühlstein dann

Vom Hals, so trägt der arme Tropf

Erst noch viel schwerer auf dem Kopf;

Denn so ein Weiblein putzt sich dann

Aus fremden Säckel, und dem Mann

Wächst ob des Mädchens Ziererei

Manch' zentnerschweres Hirschgeweih,

Wovon man hier in uns'rer Stadt

Gar manches schöne Beispiel hat.

Für's Zweite, Mädchen, liebe den,

Den du zum Mann dir auserseh'n;

Denn wer nur freit um's liebe Brod;

Stirbt an der Liebe Hungersnoth.

Die Frausucht auch zu dieser Frist

Bei Mädchen eine Seuche ist:

Darob sieht manche jeden Mann

Als einen Mädchenheiland an,

Der sie vom Jungfernfluch erlöst,

Und sich an's Ehkreuz nageln läßt.

D'rum hüte dich vor dieser Pest,

Und so ein Mann sich finden läßt,

Der dein begehrt, so sehe nicht

Dem Freier bloß nur in's Gesicht;

Denn wiß', daß oft ein böser Mann

In Engelslarve stecken kann.

Auch weile nicht dein Auge nur

Auf Rock und Weste und Frisur,

Sieh lieber zu, ob dir der Mann

Im Schlafrock auch gefallen kann:

Auch schiele nicht nach seinem Sack,

Wie voll er ihn wohl haben mag,

Noch ob auf seinem Amtsdekret

Ein Vierteldutzend Nullen steht;

Denn ach, kein Krämer in der Welt

Verkauft dir Glück um all dein Geld.

Doch nimm ihn scharf in's Aug', ob nicht

Dein Reiz ihm so in's Auge sticht,

Als wie, wenn ihn der Hunger drückt,

Er hin auf einen Rostbeef blickt.

Denn wisse, so ein Vielfraß hat

In kurzer Zeit dich übersatt,

Und bald wird deiner Magd Gesicht

Für ihn ein niedlicher Gericht.

Die Liebe nur für ihren Mann

Des Weib's Genuß so würzen kann,

Daß dieser ihm, wie's liebe Brod,

Nie eckel wird bis an den Tod.

Nur in der Liebe Feld gedeiht

Das Blümchen – Ehstandsseligkeit:

Wenn die das Ehbett tapeziert,

Dem Mann darin nie eckeln wird.

Wo Liebe sich mit Liebe paart,

Da wird das Ehestandsjoch nicht hart.

Wenn Mann und Weib mit gleichem Sinn

An ihrem Ehewagen zieh'n,

So daß die Wage d'ran nicht leicht

Aus ihrem Gleichgewichte weicht;

Wenn Liebe dann der Fuhrmann wird,

Der nachschiebt, und die Räder schmiert,

So geht's gar flink und leicht einher,

Und hätten sie auch noch so schwer.

Kein Berg ist rauh, kein Steg ist hart,

Und frisch und munter geht die Fahrt

Durch's Leben, bis des Todes Hand

Das liebe Pärchen ausgespannt. –

O möchte doch das Leben dein

So einer Lustfahrt ähnlich sein!