Leichen-Gedicht zum rühmlichen Andencken Fr. M. v. H. g. A. 1662. den 10. Decemb...
Wje kan die Tugend ihr auf dieser Unter-Welt
Ein ewig Wonhaus bau’n und schnöden Augen dienen?
Wenn sie in ihrem Licht vollkommen ist erschienen
So zeucht sie von uns ab damit ihr nicht entfällt
Der angebohrne Glantz weil unser Fehl’ und Flecken
Die höchste Reinligkeit mit Lastergift anstecken.
Je heller sich die Flamm’ im ersten Aufgang zeigt
Je schneller fährt der Schein nach den gestirnten Höhen;
So eben ist die Seel’ sie läst diß Wesen stehen
Das irrdisch ist und heist ihr Tugend-Feuer steigt
Weit über Wolck’ und Luft verläst des Cörpers-Bande
Geht seinem Ursprung nach zum wahren Vater-Lande.
Ob zwar ein sterblich Leib der Seelen Wohnhaus bleibt
Und sie als Königin das Leben übermeistert
So ist doch Fleisch und Blut mit der Gewalt begeistert
Die Anfruhr gegen ihr fast alle Stunden treibt.
Und soll die Hoheit nicht in tiefsten Sünden schmachten
So muß sie Himmlische nur nach dem Himmel trachten.
Sie sieht wol wie die Welt sucht Finsternüß und Nacht
Wie sie ihr Hertz verstellt den Nechsten zubetriegen
Wie sich der Mund befleist der Tugend vorzuliegen
So unter Schimpf und Schand an Bettelstab gebracht
Wie in der Augen-Glantz die Freundligkeiten spielen
Wie in dem Busen Haß Zorn Rach’ und Meineid wühlen.
Sie jammerts daß der Mensch bey solcher Nichtigkeit
Sich so vergnüget schätzt sie klagt daß unser Leben
Begierden unterthan und Wollust übergeben
Ja daß wir selbsten seyn ein Spiel und Traum der Zeit
Das Leben ein Magnet der uns zur Bahre ziehet
Ein blasser Wermuthstrauch der auf dem Kirchhof blühet.
Ein Alabaster-Grab mit Kohlen außgesetzt
Ein Gold-geflochtner Strick der Jahr’ und Freyheit bindet
Ein Molch den man verdeckt in Ros’ und Lilgen findet.
Ein Spiegel dessen Schein uns auf den Tod verletzt
Ein Feur das unser Blut zu kalter Aschen brennet
Ein Bild das man bey Nacht und nicht bey Tage kennet.
Ein Mahler der nur sich und keinen sonsten trift
Ein Aethna der mit Schnee von aussen überdecket
Ein brennender Vesuv der doch Krystallen hecket
Ein Thau der seine Perl’ im Essig beitzt und schliefft
Ein Pomerantzen Knopf in dem die Maden nisten
Ein Stall den nur der Tod sonst niemand auß kan misten.
Was wunder ist es nun wenn sich die Seel’ entbricht?
Es sey daß noch den Leib der Tugend-Rosen ziehren
Er mag den Mittlernstand erwachsner Jahre führen.
Es sey auch daß der Schnee gibt Haar’ und Scheitel Licht
So bleibt sie doch nicht hier und bey verlebten Zeiten
Wird sie noch frölicher auß diesem Nothstall schreiten.
Sie schleicht denn wie ein
Es ist kein groß Geräusch’ und stürmendes Gedränge
Das ihrem Aufbruch folgt sie hält sich in die Enge
Und bläst das Lebens-Licht ohn alles dämpffen auß.
Drauf reis’t sie freudig fort weil schon ein ander Morgen
Den Himmel aufgeklährt den vor die Nacht verborgen.
Ein ewig-lichte Sonn’ und Klarheit voller Blitz
Bestrahlt den reiffen Tag und macht ihn gantz vollkommen.
Die müde Pilgramin wird freudig aufgenommen
Ins Schloß der Ewigkeit deß Höchsten Schöpffers Sitz
Da kleidet sie sich erst ins rechte Braut-Gepränge
Und opfert mit der Schaar der Engel Lobgesänge.
Orumb ruffen wir itzt recht der
Daß sie nach Sturm und Wind den Port ist eingelauffen
Daß sie das Jrrd’sche kan umbs Ewige verkauffen
Und daß sie nun geneust der ungekränckten Ruh:
So tragen wir auch nur den mürben Leib zu
Weil ihrer Tugend-Ruhm frist weder Wurm noch Schabe.
Glückfelig ist der Tod der so viel Leiden schafft
Durch einen süssen Schlaf und sanften Hintrit endet.
Diß was nicht sterblich ist wird Himmel-an gesendet
Ob schon ein dürres Bein bleibt in des Grabes haft
&q;Was auferstehen sol das muß zuvor verderben:
&q;Heißt doch ein weltlich Recht erst nach dem Tod uns
erben.