Leichen-Gedicht zum rühmlichen Andencken Fr. M. v. H. g. A. 1662. den 10. Decemb...

By Heinrich Mühlpfort

Wje kan die Tugend ihr auf dieser Unter-Welt

Ein ewig Wonhaus bau’n und schnöden Augen dienen?

Wenn sie in ihrem Licht vollkommen ist erschienen

So zeucht sie von uns ab damit ihr nicht entfällt

Der angebohrne Glantz weil unser Fehl’ und Flecken

Die höchste Reinligkeit mit Lastergift anstecken.

Je heller sich die Flamm’ im ersten Aufgang zeigt

Je schneller fährt der Schein nach den gestirnten Höhen;

So eben ist die Seel’ sie läst diß Wesen stehen

Das irrdisch ist und heist ihr Tugend-Feuer steigt

Weit über Wolck’ und Luft verläst des Cörpers-Bande

Geht seinem Ursprung nach zum wahren Vater-Lande.

Ob zwar ein sterblich Leib der Seelen Wohnhaus bleibt

Und sie als Königin das Leben übermeistert

So ist doch Fleisch und Blut mit der Gewalt begeistert

Die Anfruhr gegen ihr fast alle Stunden treibt.

Und soll die Hoheit nicht in tiefsten Sünden schmachten

So muß sie Himmlische nur nach dem Himmel trachten.

Sie sieht wol wie die Welt sucht Finsternüß und Nacht

Wie sie ihr Hertz verstellt den Nechsten zubetriegen

Wie sich der Mund befleist der Tugend vorzuliegen

So unter Schimpf und Schand an Bettelstab gebracht

Wie in der Augen-Glantz die Freundligkeiten spielen

Wie in dem Busen Haß Zorn Rach’ und Meineid wühlen.

Sie jammerts daß der Mensch bey solcher Nichtigkeit

Sich so vergnüget schätzt sie klagt daß unser Leben

Begierden unterthan und Wollust übergeben

Ja daß wir selbsten seyn ein Spiel und Traum der Zeit

Das Leben ein Magnet der uns zur Bahre ziehet

Ein blasser Wermuthstrauch der auf dem Kirchhof blühet.

Ein Alabaster-Grab mit Kohlen außgesetzt

Ein Gold-geflochtner Strick der Jahr’ und Freyheit bindet

Ein Molch den man verdeckt in Ros’ und Lilgen findet.

Ein Spiegel dessen Schein uns auf den Tod verletzt

Ein Feur das unser Blut zu kalter Aschen brennet

Ein Bild das man bey Nacht und nicht bey Tage kennet.

Ein Mahler der nur sich und keinen sonsten trift

Ein Aethna der mit Schnee von aussen überdecket

Ein brennender Vesuv der doch Krystallen hecket

Ein Thau der seine Perl’ im Essig beitzt und schliefft

Ein Pomerantzen Knopf in dem die Maden nisten

Ein Stall den nur der Tod sonst niemand auß kan misten.

Was wunder ist es nun wenn sich die Seel’ entbricht?

Es sey daß noch den Leib der Tugend-Rosen ziehren

Er mag den Mittlernstand erwachsner Jahre führen.

Es sey auch daß der Schnee gibt Haar’ und Scheitel Licht

So bleibt sie doch nicht hier und bey verlebten Zeiten

Wird sie noch frölicher auß diesem Nothstall schreiten.

Sie schleicht denn wie ein

Es ist kein groß Geräusch’ und stürmendes Gedränge

Das ihrem Aufbruch folgt sie hält sich in die Enge

Und bläst das Lebens-Licht ohn alles dämpffen auß.

Drauf reis’t sie freudig fort weil schon ein ander Morgen

Den Himmel aufgeklährt den vor die Nacht verborgen.

Ein ewig-lichte Sonn’ und Klarheit voller Blitz

Bestrahlt den reiffen Tag und macht ihn gantz vollkommen.

Die müde Pilgramin wird freudig aufgenommen

Ins Schloß der Ewigkeit deß Höchsten Schöpffers Sitz

Da kleidet sie sich erst ins rechte Braut-Gepränge

Und opfert mit der Schaar der Engel Lobgesänge.

Orumb ruffen wir itzt recht der

Daß sie nach Sturm und Wind den Port ist eingelauffen

Daß sie das Jrrd’sche kan umbs Ewige verkauffen

Und daß sie nun geneust der ungekränckten Ruh:

So tragen wir auch nur den mürben Leib zu

Weil ihrer Tugend-Ruhm frist weder Wurm noch Schabe.

Glückfelig ist der Tod der so viel Leiden schafft

Durch einen süssen Schlaf und sanften Hintrit endet.

Diß was nicht sterblich ist wird Himmel-an gesendet

Ob schon ein dürres Bein bleibt in des Grabes haft

&q;Was auferstehen sol das muß zuvor verderben:

&q;Heißt doch ein weltlich Recht erst nach dem Tod uns

erben.