Letzte Pflicht der Freundschafft, dem sel. Grasen Theodor von Dohna, auf derjeni...

By Friedrich Rudolph Ludwig von Canitz

Written 1676-01-01 - 1676-01-01

Laß, mein beklemmtes Hertz, der Regung nur den Zügel,

Begeuß mit einer Fluth von Thränen diesen Hügel,

Weil ihn mein treuster Freund mit seinem Blut benetzt.

Auf dieser Stelle sanck der tapfre Dohna nieder,

Hier war sein Kampf und Fall, hier starrten seine Glieder,

Als ein verfluchtes Bley die theure Stirn verletzt,

Das, eh der Sonnen Rad den andern Morgen brachte,

Ihn leider! gar zu bald zu einer Leiche machte!

Ach! lebte Theodor, wie wolt ich mit Vergnügen

Das stoltze Buda sehn in seiner Asche liegen!

Ich wolte manchen Ort, der bey der späten Welt

Berühmt verbleiben wird, mit Fleiß und Lust bemercken;

Dort, wo der Feind versucht die Seinigen zu stärcken,

Doch wie ein schüchtern Wild in Tod und Stricke fällt;

Hier, wo die Unsrigen zuletzt die Stadt ersteigen,

Wenn er nur alles das mir selber könte zeigen.

Jetzund betrüben mich die umgewühlten Mauren;

Nicht den verdienten Lohn des Mein-Eyds zu bedauren,

Den sich der Himmel selbst zu straffen ausgerüst;

Es müsse ferner noch der Hund dem Adler weichen!

Man jauchtzt mit gutem Recht bey diesem Sieges-Zeichen;

Ich weine, weil es dem ein Sterb-Mahl worden ist,

Den ich so sehr geliebt; und kan nicht, ohne Grauen,

Bey diesem grossen Glück mein gröstes Unglück schauen.

Mich deucht, daß er mir noch vor dem Gesichte schwebet,

Und daß sein froher Geist den Cörper noch belebet,

Daß ihm die Redlichkeit noch aus den Augen sieht;

Ich stelle mir noch vor die angenehmen Stunden,

Die in vertrauter Lust uns manches mahl verschwunden;

Daß Anmuth und Verstand auf seinen Lippen blüht,

Daß er, noch wie vorhin, mit dem, was er beginnet,

Den Beyfall und die Gunst von jedermann gewinnet.

Wohin erst mancher kaum, nach langem Schweiß, gediehen,

Da war ihm alles schon in erster Milch verliehen,

Es schien, als hätt er sich auf anders nichts gelegt,

Als durch sein höflich-seyn den Hof allein zu zieren;

Doch wer ihn sah das Volck in Stahl und Flamme führen,

Wo donnerndes Metall die Erd und Lufft bewegt,

Und wo er noch die Lebens-Krafft verlohren,

Der meinte, daß er bloß zu Waffen sey gebohren.

Drum ließ der Brennen-Fürst, dem nur und Gott zu Ehren

Der Graf verblichen ist, so tieffe Seuffzer hören;

Er und sein gantzes Haus begriffen den Verlust,

Den sie hierdurch erlebt. Die hohen Anverwandten,

Erstaunten, und die ihn als ihren Freund erkannten,

Was ach! was fühlen die in ihrer treuen Brust!

Ja! die ihn nur gekannt, befeuchteten die Wangen,

Als wenn der Ihrigen selbst jemand abgegangen.

Verhängniß! stehet es allein in deinen Händen,

Den Zeiger auf die Zahl des Todes hinzuwenden?

Und schaffest du, was uns hier unten wiederfährt?

Wilst du denn nicht gerecht in deiner Satzung heissen?

Wie liessest du so bald den Held zu Boden schmeissen?

Er war, vor tausenden, ein graues Alter werth.

Wie bist du so erzürnt, und forderst von der Erden,

Daß dir das reineste soll aufgeopffert werden?

War die Vollkommenheit so gleichgesinnter Brüder,

Das Kunst-Stück der Natur, nur dir allein zuwider?

Wie? oder irr ich mich? schien dir es gar zu viel,

Der schon verderbten Zeit diß schöne Paar zu lassen?

So muste ja vorhin der tapffre Carl erblassen.

Ein wiederholtes Ach! dient dir zum Freuden-Spiel.

Du reißst die Wunden auf, uns schärffer zu betrüben,

Warum ist Theodor uns nicht zum Trost geblieben?

Doch halt! es möchte mich der Schmertz zu weit verleiten.

Vernunfft ist viel zu schwach, und pfleget bald zu gleiten,

Wenn sie durch kühnen Trieb die Wolcken übersteigt,

Und, nach dem falschen Maaß der irrigen Gedancken,

Den Höchsten meistern will; da in dem engen Schrancken,

Der uns beschlossen hält, sich manches Wunder zeigt,

Um dessen wahren Grund recht künstlich auszuspühren,

Wir Zeit, und offtermahls die Sinne selbst, verliehren.

Ich will vielmehr den Schluß, in stiller Furcht, verehren,

Der nicht zu ändern steht, und fasse diese Lehren:

Reißt hier ein Augenblick so grosses Hoffen ein,

Rafft Gott so zeitig weg die edelsten Gemüther,

So müssen dieser Welt so hochgeprießne Güter,

Und unser Thun, vor ihm, ein schlechtes Wesen seyn;

Ist auch der letzte Stoß unmüglich zu vermeiden,

Warum betraurt man die, die wohl und rühmlich scheiden?

Viel haben Tod und Schmach zu einer Zeit erlitten.

Viel hat Verzweifelung und Raserey bestritten.

Wie mancher giebt den Geist in schnöder Wollust auf?

Wie manchen, der sein Grab mit Lorbeern denckt zu krönen,

Muß was verächtliches im Sterben noch verhöhnen?

Hier brach nichts schändliches solch einen schönen Lauff.

So, wie ein Wandel-Stern in Diamanten-Funcken

Von unserm Scheitel weicht, ist Theodor gesuncken.

Die Grabschrifft hat er sich mit eignem Blut geschrieben,

Ein Werck das ewig währt! Er ist im Sturm geblieben,

Wo Gott mit Mahomet um eignen Ruhm gekämpfft;

Daselbst hat er gesiegt, im Beyseyn vieler Helden,

Die in der halben Welt den frühen Fall vermelden.

Der Neid beklaget selbst, daß ihn der Tod gedämpfft;

Der Neid, der insgemein den Stachel zu beblümen,

Die Tugend in dem Sarg am liebsten pflegt zu rühmen.

Genug, mein Freund, ich muß nunmehr von hinnen eilen;

Nimm an zu guter letzt, die schlechten Trauer-Zeilen,

Die wahrer Freundschafft Pflicht an diesem Ort entwarff:

Ich schwere bey dem Glantz, mit dem du bist umgeben,

Dein Angedencken soll in mir so lange leben,

Und gleichsam heilig seyn, biß daß ich folgen darff.

Ich setze diß hinzu: Seit dem du mich verlassen,

Hab ich nur halbe Müh, die Eitelkeit zu hassen.