Liebes-Brief an seine Maitresse.
Written 1693-01-01 - 1693-01-01
Ich schreibe schönstes Kind von Fleisch und Blut getrieben
Vergib wo dieser Brief zu frey gerahten ist!
Es heisset die Natur uns alle beyde lieben
Ich weis daß du mit mir von gleicher Regung bist.
Du darffst darüber dir gar kein Gewissen nehmen
Was bildest du dir mehr als ander Menschen ein?
Weswegen wilt du dich vor deinem Schatten schämen?
Wie lange wilt du selbst auf dich tyrannisch seyn?
Du weist es Grausahmste daß ich als Sclave lebe
und gleichwol legst du mir erst schwere Ketten an
Was soll die Jungfrauschafft das leichte Spinn-Gewebe
Das Ding das jeder sucht und niemand finden kan?
Laß deine Rosen bald im ersten Frühling pflücken
Gedencke daß sie nicht auf kaltem Eise blühn
Die Liebe wil sich nicht zum spähten Alter schicken
Es pflegt ihr nackend Kind im Winter weg zu ziehn.
Das Closter glaub es mir hat allzustrenge Lehren
Dis ist kein Leben nicht das mich und dich vergnügt
Weswegen zeigst du mir die rundgewölbten Brüste?
Sie laden meinen Mund und meine Finger ein
Warum erhitzt du mich und reitzest meine Lüste?
Wer kan ein Tantalus bey solchen Aepffeln seyn?
Wie offt betracht ich nicht die wunder schönen Gaben
Und dencke bey mir selbst dis siehet alle Welt
Was muß nicht dieses Kind vor andre Sachen haben
Die sie nicht zeigen will und mir verborgen hält?
Du wirst dis Heiligthum doch ewig nicht verstecken
Sonst geht die Süßigkeit mit deiner Jugend hin
Und bist du es gesinnt vor einem auffzudecken
So glaub ich daß ich hier der allernächste bin.
Du darffst die Jungferschafft nicht mit zu Grabe tragen
Ihr seyd von unserm Fleisch und unserm Bein gemacht
Doch solt es deine Schaam bey Tage mir versagen So gönne mir die Lust bey Schatten reicher Nacht.
Ich will mein Paradieß auch nicht im finstern fehlen
Der angenehme Weg ist mir nicht unbekannt
Indessen solt ich nicht die rechte Strasse wählen
So sey du Führerin ich folge deiner Hand.