Liebes-Brief an seine Maitresse.

By Johann Georg Gressel

Written 1693-01-01 - 1693-01-01

Ich schreibe schönstes Kind von Fleisch und Blut getrieben

Vergib wo dieser Brief zu frey gerahten ist!

Es heisset die Natur uns alle beyde lieben

Ich weis daß du mit mir von gleicher Regung bist.

Du darffst darüber dir gar kein Gewissen nehmen

Was bildest du dir mehr als ander Menschen ein?

Weswegen wilt du dich vor deinem Schatten schämen?

Wie lange wilt du selbst auf dich tyrannisch seyn?

Du weist es Grausahmste daß ich als Sclave lebe

und gleichwol legst du mir erst schwere Ketten an

Was soll die Jungfrauschafft das leichte Spinn-Gewebe

Das Ding das jeder sucht und niemand finden kan?

Laß deine Rosen bald im ersten Frühling pflücken

Gedencke daß sie nicht auf kaltem Eise blühn

Die Liebe wil sich nicht zum spähten Alter schicken

Es pflegt ihr nackend Kind im Winter weg zu ziehn.

Das Closter glaub es mir hat allzustrenge Lehren

Dis ist kein Leben nicht das mich und dich vergnügt

Weswegen zeigst du mir die rundgewölbten Brüste?

Sie laden meinen Mund und meine Finger ein

Warum erhitzt du mich und reitzest meine Lüste?

Wer kan ein Tantalus bey solchen Aepffeln seyn?

Wie offt betracht ich nicht die wunder schönen Gaben

Und dencke bey mir selbst dis siehet alle Welt

Was muß nicht dieses Kind vor andre Sachen haben

Die sie nicht zeigen will und mir verborgen hält?

Du wirst dis Heiligthum doch ewig nicht verstecken

Sonst geht die Süßigkeit mit deiner Jugend hin

Und bist du es gesinnt vor einem auffzudecken

So glaub ich daß ich hier der allernächste bin.

Du darffst die Jungferschafft nicht mit zu Grabe tragen

Ihr seyd von unserm Fleisch und unserm Bein gemacht

Doch solt es deine Schaam bey Tage mir versagen So gönne mir die Lust bey Schatten reicher Nacht.

Ich will mein Paradieß auch nicht im finstern fehlen

Der angenehme Weg ist mir nicht unbekannt

Indessen solt ich nicht die rechte Strasse wählen

So sey du Führerin ich folge deiner Hand.