Liebes-Brief an Silvien.

By Johann Georg Gressel

Nimmt Silvia den Brief an mit geneigten Händen?

Darinn enthalten ist was meine Sinnen kränckt

Und was dem Geist befiehlt sich zu ihr hinzuwenden

So weiß ich daß sie schon viel Guts von mir gedenckt.

Zwar was hier heimlich ist sind ihr bekannte Sachen

Sie weiß daß sie mein Hertz durch ihren Blick entzündt

Jhr lächelnd Auge will die Flammen grösser machen

Die mehr denn allzugroß ja unauslösch lich sind.

Es kan mein schwacher Mund nicht alle Seuffzer zählen

Die ihre Artigkeit in meiner Brust erregt;

Und ob sie es schon weiß will ich doch nicht verhehlen

Wer in dem Hertzen erst das Feur hat angelegt.

Der schönen Augen-Licht das gleich den Sternen blitzet

Bringt mir die Liebes-Gluht ihr die Vollkommenheit;

Vollkommen ist die Pracht die das Gesicht besitzet

Wer ist? der tadeln kan der Mienen Trefflichkeit.

Mit Schnee und Purpur sind die Wangen ausgezieret

Da sieht man den

Die Stirne ist der Thron worauf den Scepter führet

Die holde Freundlichkeit geschmückt mit tausend Schön.

Die Lippen sind Rubin davon ein

Der Athem übersteigt des besten Balsams Krafft

Glückselig wer die Lust noch dermahleins geniesset

Daß ihm der süsse Mund ein solches Labsahl schafft.

Der Cedern glatte Hals wie aus Albast geschnitzet

Der siegt den Liljen an die

Das Haar so als ein Wall den schönen Ort beschützet

Der

Der Brüste Perlen Pracht ist ein entzückends Wesen

Aus ihrer Rosen Spitz die holde Anmuth lacht

Die Schönheit hat dabey den Wohn-Platz auserlesen

Und die Natur daran ihr Meister-Stück gemacht.

Den noch verdeckten Schatz und ander Kostbarkeiten

Die will ich als verdeckt mit Schweigen übergehn.

Wer ist der gegen sie und ihre Pracht will streiten?

Der nicht durch ihre Macht sich muß bezwungen sehn.

Mit Freuden höre ich wie meine Fessel klingen

Ich behte sie mein Licht als meine Göttin an

Jhr Auge so mein Hertz zur Liebe können zwingen

Mit einem sanfften Blick die Schmertzen lindern kan.

Erblickt

Den Brand den ihr erregt last euch gefällig seyn

Nehmt mein verirrtes Schiff in den gewünschten Haven

Stellt eure Sprödigkeit und eur Verstellen ein.

Jhr Hart-seyn gegen mich verkehre sich in Liebe

Jhr Nebel werde mir zu einem Sonnenschein

Jhr Eyß verwandel sich in heisse Liebes-Triebe

Jhr Hertze werde Wachs das jetzund Kieselstein.

Ach! schencket mir ein Wort das süsse Wollust heget

Die Sylbe so der Pein ein frohes Ende macht

Ein Ja das allen Schmertz und alles Leiden leget

Und das die Losung ist daß mir ihr Hertze lacht.