Lieblichkeit des Grases.

By Barthold Heinrich Brockes

In einem angenehmen Wäldchen, im Schatten einer

dichten Linden,

Worunter ich zum öftern Ruh, in stiller Anmuht, pflag zu

finden,

Setzt’ ich mich auf ein grünes Plätzchen in junges, dicht- und

frisches Gras,

Woselbst ich anfangs zwar ein Buch, mit innigem Vergnü-

gen, las;

Allein, es rief das grüne Prangen des Grases, das den

schönsten Sammt,

Wie Diamant das Glas beschämet, zumahl, wenn oft bald

hier bald dort

Der Sonnen Strahl, durch dunkle Schatten der Zweige,

brach, an manchem Ort,

Auf tausendfach gefärbte Stellen, in unterschiednen Lichtern

flammt,

Mich aus dem Buch auf seinen Schmuck. Es schien mich

zu sich hin zu winken.

Dem Wink konnt’ ich nicht widersteh’n,

Ich ließ das Buch gemählig sinken,

Um seine Schönheit zu beseh’n.

Mein GOtt! wie vielerley Figuren! welch’ eine Form-

und Farben-Menge

Brach aus den Kräutern, Gras und Klee, allein im grünen

Schmuck, hervor!

Es huben die gefärbten Häupter, in einem wirklichen Ge-

dränge,

Nebst ihnen auch viel tausend Bluhmen, recht gleichsam in

die Wett' empor.

Es schien, ob sucht’ in Kraut und Bluhmen, im grünen und

im bunten Schein,

Bald das vor diesen, dieses bald vor das, zuerst gesehn zu

seyn.

Ich sah’ zuerst den holden Klee in seiner dichten Lieblichkeit,

Da, vor der Menge, kaum ein Blatt sich aus einander breiten

kann.

Dieß zeigte mir, von ihrer Zeichnung, unzählige Verschie-

denheit,

Da sie bald Seiten-werts gedrängt, bald offen, bald gefaltet

sitzen.

Durch ihre lieblich- runden Blätter sieht man sich öfters

kleine Spitzen,

Von zart- und feinem Grase, stechen, das denn im Gegensatz

die Pracht,

Die allen Schmelz weit übergeht, um desto angenehmer

macht.

Zumahl, wenn zwischen ihrem Schmuck die liebliche Vergiß

mein nicht,

In ihrem Himmel-blauen Glanz, mit Gold geziert, als wie

ein Licht,

Von einem spielenden Sapphir, durch schimmernde Sma-

ragden bricht.

Es scheint, man wird von unsrer Mutter, der Erd’, in dieser

holden Pracht,

Annoch vor vielen andern Orten, auf solchen Stellen ange-

lacht.

Ich sah’, von Farben und Figur ganz unterschieden, noch

bey ihnen,

Auf ungezählte Art geformt, viel ungezählte Kräuter

grünen,

Und in derselben schönen Schooß so hell- gefärbte Bluhmen

blüh'n,

Daß sie in ihrem bunten Glanz, wie Feur, fast minder blüh’n

als glüh'n.

Es nahm der Bluhmen bunter Schimmer, und aller Kräuter

grüner Schein,

Wie ich sie öfters übersahe, mit einem solchen Reiz mich ein,

Daß ich aufs menschliche Betragen, da wir oft blind vor ihrer

Pracht,

Sie nicht bewundern, ja kaum sehen, mit Recht verdrüßlich,

aufgebracht,

Und, durch die Unaufmerksamkeit, mit Recht gerührt, wie

folget, dacht':

Jhr schätzet hoch, ihr preis’t, ihr rühmt

Geschnitt’nen Sammt, der schön geblühmt,

Und ihr habt Recht, die Kunst zu preisen;

Allein, den noch viel schönern Sammt,

(der im smaragdnen Glanze flammt,

Den euch die schönen Wiesen weisen,

Auf welchen, tausend mahl so schön,

Lebendige Figuren steh’n,

Von Blättern, Kräutern und von Ranken,

Worauf bepurpert und vergüldet,

Von Fingern der Natur gebildet,

Der Bluhmen Urbild selbst zu seh’n,)

Den würdigt ihr nicht der Gedanken.

Wie schön sonst immer die Copie,

So wird dennoch weit mehr, als sie,

Ein schönes Urbild stets geschätzet.

Wie, daß ihr Menschen euch denn nie

Am Urbild der Natur ergetzet,

Da ihr doch selber müßt gesteh’n,

Jhr herrliches Original

Sey tausend, tausend, tausend mahl

So nett, so zierlich, und so schön.

Sind etwan eure Künste grösser?

Ist etwan die Natur nicht wehrt,

Da doch ihr Werk unstreitig besser,

Daß ihr selbst GOtt in ihr verehrt?

Es ist wahrhaftig wahr, wenn ihr

Der Bluhmen und des Grases Zier

Mit Lust und Andacht nicht betrachtet,

Daß ihr des Schöpfers Werk verachtet.